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Beruf: Abenteurer

Arved Fuchs: "Ich bin Teamworker."


Arved Fuchs, geboren 1953
Wohnort: Bad Bramstedt
Familie: Verheiratet
Profi seit: Anfang der 80er Jahre
Erlernter Beruf: Ingenieur für Schiffsbetriebstechnik
Erfolge: 70-tägige Hundeschlittendurchquerung Grönlands (1983), Winterumrundung von Kap Hoorn im Faltboot (1984), Fußmarsch zu Nord- und Südpol innerhalb eines Jahres (1989), Umrundung des Nordpols im Segelboot (1991 bis 1994), Parallel dazu Jugend-Umweltprojekte und weitere Polarexpeditionen auf den Spuren der Entdecker Wegener, Shackleton, Peary.


Einen Polarforscher wie Arved Fuchs stellt man sich sturmumtost, mit Fellmütze und gefrorenem Bart vor. Das einzige, was stimmt, ist der Bart. Vereist ist er aber nicht, denn Fuchs sitzt im gut geheizten Frühstücksraum einer kleinen Pension in Tuttlingen. Wie der Rest der Fernweh-Vortragenden zieht er im Herbst und Winter durchs Land, bunte Bilder und wilde Geschichten im Gepäck. Seit fast drei Jahrzehnten macht er das schon, bis zu 90 Vorträge hält er jährlich. Arved Fuchs ist Deutschlands „Elder Statesman of Abenteuer" -und er ist Chef einer eigenen GmbH. In seinem Geburtsort Bad Bramstedt, nördlich von Hamburg, ist die Firma „Arved Fuchs Adventure & Media Services" zu Hause. Mit sechs Angestellten, einer Lagerhalle inklusive Fitnessraum im Gewerbegebiet und eigenem Fanshop: Eine Kaffeetasse mit dem Aufdruck „Arved Fuchs Expeditionen" kostet 13,50 Euro.

"Das war total unprofessionell"

Die Vita von Deutschlands bekanntestem Abenteurer liest sich so geradlinig und logisch, als sei „Abenteurer" ein offizieller Ausbildungsgang. Als Kind und Jugendlicher ist er immer draußen beim Spielen, Paddeln, Entdecken. Er beendet die Schule und macht eine Lehre bei der Handelsmarine, studiert dann Schiffsbetriebstechnik in Flensburg und arbeitet immer wieder auf See. Mit dem Lohn finanziert er von Beginn an lange Reisen. „Die erste Reise, mit der ich etwas verdient habe, war eine Wildwasserexpedition 1977 in Kanada. Wir haben gefilmt auf Teufel-komm-raus, und ich bin mit einer Kiste voller Filme zum Norddeutschen Rundfunk gegangen. Das war total unprofessionell, doch es ließ sich ein 30-minütiger Film draus machen." Journalistisch und fotografisch ist er Autodidakt, doch nur ein paar Jahre nach dem ersten Film funktioniert die Geschäftsidee: von Reiseberichten leben. Fuchs macht sich als Abenteurer selbständig. Anders als damalige Vortrags-Heroen wie die Bergsteiger Reinhold Messner oder Kurz Diemberger sucht Arved Fuchs das Abenteuer vor allem auf dem Wasser und im polaren Eis - gelernt ist gelernt. Mit wachsendem Erfolg werden die Schiffe größer, die Expeditionen länger und aufwändiger. Den Wildwassertouren folgt eine Faltbootfahrt um Kap Hoorn, dann kommen monatelange Märsche über polares Eis zu Nord- und Südpol und mehrjährige Segeltörns.

Es sind verwegene Missionen dabei, doch Fuchs folgt nicht dem Leitbild des einsamen, todesverachtenden Helden. „Ich bin Teamworker" sagt er. „Die Mentalität, wie man sie teilweise im Höhenbergsteigen vorfindet, wo Tote und Verletzte nur noch in der Statistik auftauchen, das ist nicht meine Expeditionsethik. Sich in Gefahr begeben und darin umkommen - das kann jeder Dummkopf. Ich habe Verantwortung für mich, meine Frau und mein Team. Eine Expedition muss prinzipiell überlebbar sein!" Mit dieser Haltung ist er so gut gefahren, dass er trotz hoher Fixkosten und teurer Expeditionen seinen Stil durchhalten kann. Sponsoren „aus der Ecke Tabak und Schnaps" lehnt er ab, genau wie Medienpartner, die ihm ins Handwerk pfuschen wollen.

"Eine Expedition muss prinzipiell überlebbar sein"

Vor zehn Jahren folgten Fuchs und seine Crew mit einem nachgebauten Rettungsboot von nur sieben Metern Länge und zwei Meter Breite den Spuren der historischen Shackleton-Expedition vom antarktischen Packeis durch den Südpazifik. Er hätte dafür einen Vorab-Vertrag mit einem großen Magazin haben können. „Die haben gesagt: ´Super, das machen wir - aber nur, wenn Ihr das genauso macht wie Shackleton 1916, mit den gleichen Klamotten und den gleichen Navigationsmitteln!´" erzählt Fuchs mit leichtem Kopfschütteln. „Aber Shackleton hat sich da nicht freiwillig hineinbegeben, und außerdem hat er unheimlich Schwein gehabt, dass sie das überlebt haben. Ich hätte also mich und mein Team sehenden Auges dieser Gefahr ausgesetzt. Es war ohnehin schon grenzwertig genug. Natürlich habe ich ein GPS mitgenommen, moderne Funktionsklamotten und Expeditionsnahrung. Und mal abgesehen davon, dass es heute verboten ist - wer will schon Pinguine essen?" Der Mann mit dem grauen Bart macht eine kurze Pause und schaut versonnen nach links oben. Verhaltensforscher sagen, dass Menschen dorthin schauen, wenn sie sich erinnern. Vielleicht sieht er dort fliegende Gischt, eisiges Wasser und tanzende Horizonte. Doch im Frühstückraum ist alles ruhig, trocken und warm.



Alex Huber

Alexander Huber: "Wir sind keine A-Promis. Wir müssen Inhalte bringen."


Alexander Huber, geboren 1968
Wohnort: Traunstein
Familie: Ledig
Profi seit: 1995
Erlernter Beruf: Diplom-Physiker
Erfolge: Weltweit zweite Route im elften Schwierigkeitsgrad (1992), Westwand des Latok II, Pakistan (mit seinem Bruder Thomas) (1997), Nordwand der Großen Zinne im Winter, Free Solo (2000), Speedrekord „The Nose" am El Capitan (Yosemite, Kalifornien 2007), Erstbegehungen auf Queen-Maud-Land, Antarktis (2008), Erste Rotpunktbegehung „Eternal Flame", 9+, Pakistan (2009)


„Ja, hier Alexander" meldet sich Alexander Huber am stoßgeschützten Plastikhandy. Am anderen Ende ist eine Dame von der Zentrale einer großen Bank. Ein kurzes Gespräch, dann der rote Auflege-Knopf. „Also, wir haben keinen Stress" sagt er, „der Vortrag ist auf fünf verschoben." Alexander Huber hat lange Haare, ist unrasiert, trägt Jeans und Trainingsjacke. Seine sparsam möblierte Altbauwohnung hat Basislager-Charme: im Treppenhaus stehen orange Plastik-Lastschlitten. Einen Raum füllen Regale voller Seile, Haken, Kletterschuhe, Schlafsäcke. Man ahnt: Huber wird den Bankiers am Nachmittag nichts über Feng Shui oder Innenarchitektur erzählen. Sein Spezialgebiet ist das Risiko.

Für Normalsensible ist das der pure Horror

Einer größeren Öffentlichkeit sind er und sein Bruder Thomas als „Huberbuam" aus dem Dokumentarfilm „Am Limit" bekannt. Da berennen sie eine überhängende, einen Kilometer hohe Granitwand in Rekordzeit, und das heißt: etwa zehnmal so schnell wie ein gewöhnlicher guter Kletterer. Doch erst seine Neigung zum „Free Solo" macht ihn vollends zum Risiko-Experten. Beim Free Solo klettert man ohne technische Hilfsmittel schwierigste Routen. Kein Seil, kein Haken. Einmal mit der Fußspitze von einem bleistiftschmalen Felskäntchen abzurutschen, kann den Tod bedeuten. Für Normalsensible ist das der pure Horror, doch Huber hat in dieser Technik schon 800-Meter Wände durchstiegen. Das sind mehrere Stunden, in denen kein Gedanke abschweifen darf.

Natürlich sind die Routen vorher mehrfach gecheckt und durchklettert, doch „Free Solo", der Flirt mit dem Tod, ist auch in Fachkreisen nicht unumstritten. Also raus mit der Frage: Wollen die Sponsoren das Spektakel, geht es ihm persönlich um die Show? Die Abfuhr kommt in sehr deutlicher Tonlage: „Also den Schmarrn mit dem Marktwert, den können wir jetzt mal vergessen. Ich mache die Sachen für mich, weil ich sie geil finde, und nicht für irgendwen sonst. Was ich da tue, ist meine Passion. Punkt." Ein minimal tieferer Atemzug, schon ist Huber wieder auf normalem Betriebsdruck.

Mit Willenskraft Löffel verbiegen

Wir reden über die 2008er Expedition in der Antarktis, über das Vortragsbusiness und darüber, dass man heute, Jahrzehnte nach der Besteigung aller Achttausender, nur noch mit bergsteigerischer Kreativität weiterkommt. Huber lässt sein Gegenüber nicht aus den Augen, beendet jeden Satz druckreif und spricht ein Hochdeutsch, das ihm so nicht in die Wiege gelegt wurde. Kein „Äh", keine Abschweifung. Schwer vorstellbar, dass dieser Mann wegen eines Flüchtigkeitsfehlers abstürzen könnte. Eher dürfte er in der Lage sein, mit reiner Willenskraft Löffel zu verbiegen.

Es ist diese Energie, die ihn in die Weltelite der Bergsteiger gebracht hat. Der diplomierte Physiker bezahlte schon während des Studiums Kommilitonen fürs Mitschreiben in Vorlesungen, um mehr Zeit zum Klettern zu haben. Das Geld dafür verdiente er beim Kellnern in Münchens Kneipen oder am Wochenende als Bergführer. „1995, mit den ersten alpinen Erfolgen (als zweiter Mensch überhaupt kletterte er Routen im elften Schwierigkeitsgrad) habe ich dann mit den Vorträgen angefangen. 15 Vorträge á 1000 Mark waren es in der ersten Saison, zwei Jahre später dann schon insgesamt 30.000 Mark. Und da habe ich gesehen, dass es in einer Art aufwärts geht, die für mich als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni nicht drin wäre. 1997 haben der Thomas und ich dann Sponsoren gesucht und sind Vollprofis geworden."

Huber glüht kontolliert

Mittlerweile sind die Brüder bei Adidas unter Vertrag, drehten einen „Milchschnitte"-Werbespot in Patagonien und kassieren für jeden Vortrag vierstellige Euro-Beträge. „Damit kann ich einerseits für die Zukunft vorsorgen und mir andererseits die Freiheit kaufen, etwa sieben Monate im Jahr mein eigenes Leben zu führen und meine Projekte in den Bergen zu verwirklichen" sagt Alexander Huber, und: „Es gibt in unserem Metier nicht wahnsinnig Viele, von ihrer Leidenschaft leben können. Ein Profibergsteiger tut eben etwas anderes als ein Profi-Tennisspieler: Es reicht nicht, wenn ich gut bin. Ich muss auch vermitteln können, was ich da mache." Dass Huber das kann, nimmt man ihm sofort ab. Wenn das Gespräch auf die Bergsteigerei kommt, erzählen die Hände mit und der bayerische Akzent wird stärker. Huber glüht kontrolliert von innen heraus und analysiert die Lage uneitel: „Für jeden Sport ist ein anderes Stück vom Kuchen drin, und für uns ist es nicht das größte. Wir sind natürlich keine A-Promis - wir müssen Inhalte bringen. Sonst könnten sie einfach jemanden wie den Beckenbauer buchen, der sich vorne hinstellt, ein paar Worte über Fußball redet, und dann passt das. Wir sind vielleicht C-Promis." Nach einer guten Stunde verabschiedet Alexander Huber den Interviewer. Es wird Zeit für die Bankmanager und deren Umgang mit dem Risiko. „Ich werde denen nicht erklären, wie ihr Business funktioniert. Das wäre auch peinlich. Aber deren Grundprobleme kommen in Reinform auch beim Bergsteigen vor." Ja, möchte man sagen - aber bei Huber mit tödlicher Konsequenz.

Fotos: Jörg Spaniol

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