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Foto: Foto: Jörg Spaniol

Im Innern der Mautmaschine

Vor dem Brennerpass steht ein großer Rechen: Die Mautstation Schönberg fächert den Autostrom auf und kämmt täglich mehrere Zentner Kleingeld aus den Börsen der Fahrer. In jeder Zinke des Rechens sitzt ein Mensch in einer Zwei-Quadratmeter-Zelle. Acht Stunden am Stück.

Was das aus der Nähe heißt, erfährt man in Spur Nummer 13. Oder besser: man beginnt, es zu ahnen. Eine Stoppuhr hilft dabei. Der Startknopf klickt, als ein Auto mit geöffnetem Seitenfenster vor Gottfried Kreidls Mautkabine stoppt. Die Standardversion des Verkaufsgesprächs lautet im Kabineninneren: „Acht Euro wären´s bitte!“ „Und zwei zurück. Wiedersehen, danke!“ Beendet ist das Gespräch, als Kreidl den Kassenbon herausgibt und mit dem Schwung der sich zurückziehenden Hand einen grünen Knopf drückt. Die Schranke hebt sich und gibt den Weg frei. Und Stopp: Neun Sekunden. Drei Sekunden später wächst die nächste Hand aus einem Seitenfenster, „acht Euro wären´s bitte!“, reicht einen Schein „und zwölf zurück. Wiedersehen, danke!“, nimmt den Beleg, die Schranke hebt sich, Kreidl drückt sein Kreuz durch und atmet ein.

Drei Sekunden Anfahr-Pause, nächstes Auto, „Achteurowärensbitte-undzweizurück-wiedersehendanke!“, zwölf Sekunden Gesamtzeit, dann das übernächste Auto, und das ist guter Durchschnitt bei Gottfried Kreidl, dem 54jährigen Mautner aus St. Jodok am Brenner, seit 30 Jahren dabei und immer noch freundlich. 300 Autos pro Stunde, 300 fremde Gesichter, 300 Mal der grüne Knopf und raus mit dem Zettel. Der Selbstversuch, diesen Text fünfmal in einer Minute lächelnd klar auszusprechen, lässt die Schwierigkeit erahnen, dies stundenlang zu tun. Doch so stumpf die Routine auch scheinen mag, sie ist immer angespannt. Fehler werden nicht geduldet, Pardon nicht gegeben. „Was abends in der Kasse fehlt, geht direkt vom Lohn ab. Ein paar Unregelmäßigkeiten, und Du bist raus“ weiß Kreidl und dreht sich wieder konzentriert dahin, wo ihm ein Geldschein entgegenwächst. „Und zweiundvierzig, Wiedersehen, danke!“


Klimatisierte Mönchszelle

Die ständige Frage der Durchreisenden nach dem Preis ist obsolet, denn den zeigen Leuchtschriften und große Tafeln unmissverständlich an. Aber an der Schranke sitzt ein Mensch, kein Kassenautomat. Einer, der seine Kunden ansieht und aus dem acht Euro teuren Heben der Schranke zwangsläufig eine winzige, flüchtige Begegnung macht. Und was soll man da reden? Abweichungen vom eingeschliffenen Maut-Mantra sind die Ausnahme. Die freundliche Frage einer sehr Alleinreisenden nach dem Italienwetter etwa, oder das Murren eines Familienvaters, der sich allerorten geneppt und geschröpft fühlt. „Früher gab es manchmal ein kleines Trinkgeld, vor allem für die Damen. Aber das ist vorbei, seit es den Euro gibt.“ Die krummen Beträge in Lire oder D-Mark hatte mancher gerade sein lassen, doch der Eurobetrag ist für alle glatt. Beleidigungen? „Ja“ sagt Kreidl, nimmt Geld und gibt grünes Licht, „die gibt es auch. Aber 99 Prozent sind in Ordnung“. Länger darüber nachzudenken verbietet die Warteschlange.

Etwa zwei Quadratmeter groß ist jede der Mautkabinen, schallschutzverglast, klimatisiert und völlig symmetrisch aufgebaut – wenn die Verkehrslage es erfordert, kassiert Kabine 13 eben anders herum, mit Blick nach Süden. Eine Mönchszelle im röchelnden, bollernden, kreischenden Verkehrsstrom. Saubere Luft, irgendwo über dem Wipptal angesaugt, strömt über ein Rohrnetz in die Kabine und durch deren offene Luke auswärts. Die Klimaanlage baut einen leichten Überdruck auf, der die Abgase halbwegs draußen hält. Geld kommt durch die flache Schiebeluke herein, Quittung und Worte und Kabinenluft entweichen im Tausch. Nur Kreidl, der bleibt drinnen. „Herr Kreidl, an was denken Sie bei der Arbeit“? „Denken tu´ich an sich an nichts“.

Eine halbe Stunde Pause erlaubt die Dienstvorschrift pro Achtstunden-Schicht. Dann leuchtet kein grüner Pfeil über dem Mautner, sondern ein rotes Kreuz schließt die Spur. Pinkelpausen erfordern Absprachen mit der Dienstaufsicht und den Marsch zum Hauptgebäude durch einen über 100 Meter langen Tunnel, dessen Decke unter den Reifen der südwärts rollenden Flut zittert. Der Weg dorthin liegt im Kamerablick. Auf sieben Monitoren zeichnet sich im Aufsichtsbüro ab, was zählt: dass die unbemannte Videomautanlage funktioniert, die den Besitzern von Jahreskarten automatisch die Schranke öffnet. Dass die LKW-Abfertigung flutscht. Und dass die Mautner ihre Pflicht tun. Jede Kabine liegt im Blickfeld einer Kamera, Lampen auf dem meterlangen Schaltpult der Aufsicht zeigen geöffnete und geschlossene Schranken. Ein Knopfdruck, und die Dienstaufsicht schaut zu. Denn es geht um viel Geld.


Bargeld und Schnappschloss

Eine halbe Million Euro spült ein Feriensamstag locker in die Kassen. Und obwohl die Quote der Kartenzahler steigt, sind das fette, bunte Bündel in jeder Geldschublade. Nach jeder Schicht wird abgerechnet, um die 15.000 Euro minus Kartenquote, das macht ...soviel Geld, dass Mancher schwach werden könnte. Auch von denen, die einfach nur nach Süden rollen wollten und in einer ruhigen Nachstunde vom Farbenspiel der Euroscheine verführt werden könnten. Doch wenn hinter Gottfried Kreidl die Tür der Kabine zufällt, ist sie zu. Keine Klinke außen, dazu ein solides Schnappschloss, dass er nicht einmal für Kollegen gerne öffnet.

In der obersten von zwei Etagen, direkt über dem Büro der Dienstaufsicht, peilt der Betriebsleiter Rudolf Nagele durch die Jalousie auf den Fächer der 21 betonierten Spuren. Locker im Stop-and-go pulsierend, schieben sich kurze Autoschlangen zwischen den Kassenhäuschen durch. Die Mautmaschine läuft rund heute, akkurat und reibungsarm. Nagele zieht einen Ordner aus der graublauen Rechtwinkligkeit seines Büros, die nur von zwei Kunstblumenarrangements und einer getigerten „Diddl“-Maus aus Plüsch gebrochen wird. Während die Espressomaschine im Vorzimmer zischt wie ein Lastzug beim Einparken, beweisen graublaue Diagramme, dass der geschmeidige Verkehrsfluss vor dem Fenster nicht selbstverständlich ist: zwischen 1994 und 2003 hat sich beispielsweise der Pfingstverkehr fast verdoppelt. Wenn Nagele konstatiert, dass „die Staus im allgemeinen nicht bei uns, sondern bei den Italienern drüben“ gemeldet werden, klingt geradezu preußischer Stolz an.


Sicherheitsrisiko Décolleté

Neunzig festangestellte Mautner rotieren durch die Kabinen, dazu bis zu siebzig Aushilfskräfte. Täglich rund um die Uhr und vor allem dann, wenn der Rest der Welt frei hat. „Bei unserem 24-Stunden-Betrieb darf keine Laxheit einreißen. Das steigert sich im Handumdrehen zum Chaos“, fürchtet Nagele und bekämpft Wildwuchs schon im Keim. Im Knopfumdrehen, sozusagen. „Eine Dame musste ich täglich ermahnen, ihre Bluse zu schließen“ erinnert sich der Herr der Schranken, „die hatte es ganz offensichtlich darauf angelegt, sich betrachten zu lassen. Und an der LKW-Spur können die Fahrer ja von oben herunterschauen.“

Jeder Einblick, jeder Krümel scheint den Rundlauf von Nageles Mautmaschine zu bedrohen, wenn sie zu Ferienbeginn hochTOURig läuft. Gereimte Verhaltensdirektiven kleben an der Innenseite jeder Kabinentür. Sie mahnen „Arbeitsplatz rein, oh ist das fein!“ oder raten „beim Jause einnehmen evtl. Zeitung unterlegen“. Exakt ausgerichtet kleben die Zettel dort, und sie sind das Einzige, was den abwaschbaren Mix aus blauen Fensterrahmen und lichtgrauem Resopal unterbricht. Pin-Ups, Kunstblumen, Familienfotos? Nichts dergleichen. Drei Mautner werden heute ihre Achtstunden-Schicht in Kabine dreizehn absitzen, und da ist kein Platz für hindekorierte Sentimentalitäten. Zudem werden die Spuren täglich neu verteilt. Und wenn Kreidl Pech hat, sitzt er morgen ganz rechts außen, bei den LKW-Spuren.

Dort bebt die Erde, trübt Ruß den Blick auf die unbewegten Zacken des Karwendel-Gebirges. Und Gottfried Kreidl, der Maut-Veteran aus St. Jodok am Brenner, muss dort lauter reden als es eigentlich seine Art ist. Und manchmal die grauen Vans des „Straßenkontrolldienstes“ auf die Jagd schicken. Seit die LKW-Maut elektronisch über die „Go-Box“ einem grauen Plastikkasten im Führerhaus, abgebucht wird, kontrollieren Kreidl und Kollegen durchs Kabinenfenster, ob Box und Fahrzeug wirklich zusammen gehören. Eine Versuchung für die Spediteure. Wer sein Fahrzeug mit falscher Go-Box in eine billigere Kategorie schummelt, hat etliche Euro gespart – bis zu 143 Euro kostet der schnellste Weg über die Berge für Lastwagen. Gegen Mautbetrüger greift die graue Truppe deshalb sofort durch: Abdrängen auf den nächsten Parkplatz, Sofortkasse plus Strafe – oder die Ladung sitzt fest.


Fehlbare Roboter

Noch ist der Mensch, der fehlbare Roboter in der blaukantigen Kabine, im Urlaubs- und Frachtgeschäft effizienter als reine Technik. Flexibler. Und billiger. Für ein Bruttogehalt von 1.500 Euro, Nacht- und Wochenendzuschläge kommen dazu, verkaufen Berufsanfänger ihre Arbeitskraft. „Das sind begehrte Jobs“, sagt der Betriebsleiter. Um das zu verstehen, muss man die Mautstelle verlassen und eine halbe Autostunde bergwärts fahren. Kurz vor der italienischen Grenze biegt das Obernberger Tal rechts ab. Es ist zehn Kilometer lang, und wöhrend das Dröhnen der Autobahn zum Rauschen wird und sich schnell völlig verliert, nehmen die Schilder an den Häusern zu: Zimmer frei.

Am Talende, in Obernberg, sitzen Robert Hörtnagl und seine Frau in der Küche ihres kleinen Bauernhofes. Seit 1977 vermieten sie Zimmer an Pensionsgäste. Nur 12 Euro kostet eine Übernachtung mit Frühstück, doch Jahr für Jahr kommen weniger Gäste. „Wenn die Leute das ´am Brenner´ hinter Obernberg sehen, denken sie an die Autobahn“ sagt Christine Hörtnagl, „dabei hört und sieht man die hier garnicht. Es kommen nur noch die, die schon lange kommen.“ Auch die Handvoll Kühe im Stall sichert das Einkommen nicht, und örtliche Arbeitgeber fehlen. Und so packt Robert Hörtnagl schon seit Jahren Brotzeit und Uniformhemd ein, um zur Autobahn zu fahren.


Freundschaft nach Dienstplan

„Begehrter Job? Das mag schon sein, dass der eine oder andere denkt, das sei einfach. Die sehen, dass man da in der geheizten Kabine sitzt und sich nicht viel bewegen muss. Aber wer glaubt, das sei einfach, muss mal nachts um drei im Winter dahocken. Ganz allein im Schneegestöber, wenn der Rest der Welt schläft. Oder wenn es drückend heiß wird und die Leute in den Autos zu spinnen anfangen. Nach einem Jahr sind Viele fertig, die das unterschätzen! Hörsturz, Stress, alles mögliche.“ Dazu kommen die ständig wechselnden Dienstpläne, die jede Regelmäßigkeit vereiteln. „Der Kreidl Gottfried kommt manchmal zum Karteln vorbei, wenn die Dienstpläne passen. Aber in Vereine musst Du nicht mehr gehen“ sagt Hörtnagl. „Und von den alten Freunden kannst Du Dich verabschieden, wenn Du bei der Autobahn anfängst.“

Nebenan endet die Sonntagsmesse. Es schlägt zwölf. In zwei Stunden wird Gottfried Kreidl unten im Tal seine umtoste Kabine verlassen. Bis dahin wird sein rechter Handballen noch knapp sechshundert Mal den grünen Knopf drücken, der Spur Nummer 13 nach Süden freigibt. Das wären dann acht Euro. Und zwei zurück. Auf Wiedersehen, danke.

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