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Timo Wölk, Konstrukteur

Berufung

Ritzel im Kopf, Kettenöl im Blut und Trails im Herzen? Eine Infektion mit dem Bike-Virus hat schon manche Karriere in neue Bahnen gelenkt. BIKE hat sechs Menschen getroffen, die ihr einstiges Hobby mit vollem Einsatz zum Beruf gemacht haben – ziemlich zufriedene Menschen, wie unserem Reporter auffiel.

Hintergrundkämpfer

Timo Wölk frickelt einen taiwanesischen Ananaskeks aus der Folie und mampft das staubtrockene Teil. Wieder mal hat er vor lauter Arbeit eine Frühstückspause übergangen, und Unterzucker schlägt auf die Konzentration. Auf dem Bildschirm verschieben sich Striche und Kreise gegeneinander und verursachen ein kinematisches Problem. „Brauchen wir da wirklich eine 5er Wandstärke? Reichen nicht 3,5?“ fragt einer von Wölks beiden Kollegen. Doch Wölk, mittlerweile wieder bröselfrei, beharrt auf 5 Millimeter Aluminium an der Dämpferanlenkung. Ein paar Klicks später, die Striche und Kreise verschieben sich um minimal geänderte Drehpunkte, und schon wieder ist ein Hinterbau ein bisschen besser geworden. Gefederte Hinterbauten sind Wölks Spezialität. Für diverse namhafte Hersteller hat sein Büro das Rahmenheck gelenkig gemacht.

Es hätte auch ganz anders kommen können für den einstigen Teilzeit-Profi beim Hamburger Trenga-Team. Doch der Weg vom Norden in ein unauffindbares Büro im ersten Stock einer oberbayerischen Dorfgaststätte hat seine Logik, wenn man seine Eckpunkte abfährt. Sie heißen, sehr grob beschriftet: Rennfahrer. Schlüsselbeinbruch. Karriereknick. Maschinenbaustudium. Produktmanagment. Liebe. CAD-Spezialist. Familie. Alpenrandlandleben. „360 Engineering“ denkt grundsätzlich für jeden, der das bezahlt. Warum nicht alle Fullies gleich aussehen, die hier aus Rechner und 3D-Drucker schlüpfen? „Klar, wenn man nur den technisch sinnvollen Weg gehen würde, sähe am Ende alles ähnlich aus. Aber unser Job funktioniert typischerweise anders: Produktmanagment und Gestalter einer Firma sagen uns, welchen eigenen Look sie mit welchen technischen Eckdaten verbunden haben wollen – Steifigkeit, Federweg, Radgröße, solche Dinge eben. Wir bieten ihnen dann die passenden Lösungen an. Das kann von der Kinematik bis zur Dämpferabstimmung und Fertigungsabläufen gehen. Ich bin ein paarmal pro Jahr in Taiwan, um solche Abläufe zu optimieren“ – das Stichwort für einen weiteren Bröselkeks und einen Kaffee auf dem rustikalen Holzbalkon. Gegenüber zieht sich der letzte Schnee aus steilen Nordmulden zurück. Ein vogelbezwitschertes Postkartenidyll, ein Abenteuerspielplatz für Draußensportler. Doch im Urlaub zieht es den Biker mittlerweile eher zum Surfen: „Radfahren ist für mich als Entwickler Arbeit. Der Kopf denkt dabei weiter . Ich habe insofern einen spannenden Beruf gewonnen – aber ein Hobby verloren.“


Info: Konstrukteur

Einen bedeutenden Anteil der Bike-Entwicklung leisten nicht die Radmarken selbst, sondern externe Ingenieurbüros im Hintergrund. Eine rechtlich zwingende Qualifikation gibt es für Konstrukteure nicht, theoretisch ist der Zugang frei und die Ausstattung minimal. Für professionelles Arbeiten sind jedoch etliche tausend Euro für Computer und Softwarelizenzen fällig – selbst wenn Prototypen- und Modellbau extern stattfinden. Um als Designer/ Entwickler festangestellt bei einer Bikemarke zu arbeiten, ist ein ingenieurswissenschaftlicher Hochschulabschluss fast unverzichtbar. Die Bezahlung ist in der Radbranche mit Einstiegsgehältern um 40.000 Euro jährlich für Ingenieure eher unterdurchschnittlich, Top-Gehälter liegen über 100.000 Euro.




Andreas Beger

Andreas Beger, Bike-Reiseveranstalter

Führungsqualitäten

„Ich arbeite wirklich gerne mit dem Kopf – aber doch nicht nur!“ Andi Beger zieht einen Schlussstrich unter die Schilderung seiner ersten Karriere. Eine solide Karriere hätte es werden können: Studium in Mathematik und BWL mit Schwerpunkt Steuerrecht, dann eine Festanstellung bei einer Autovermietung – so kann Karriere gehen. Aber dann schmiss Beger einfach hin, um auf einer Radtour zum Nordkapp in aller Ruhe nachzudenken. Zwischen zigtausend Kurbelumdrehungen muss dabei ein Gedanke gekeimt sein, der heute als eigene Firma blüht: Zusammen mit seiner Freundin Mirja und etlichen freien Mitarbeitern organisiert, erforscht und führt er die Biketouren von „Alpenevent“.

Hinterm Firmensitz grünt ein Quadratkilometer Kuhweide, dann steigen kalkige Berge einen Kilometer in die Höhe. Fünf Meter Fußweg trennen die Konzernzentrale – einen mehrfach erweiterten, ehemaligen Schuppen – vom Wohnhaus. Davor belädt Beger die aus Alublech genietete Dachbox des Firmen-Landrovers. Nach Südtirol geht es morgen früh, neue Trails auskundschaften. Auf stolze 90 Tourentage pro Saison kommt der 38-jährige, entsprechend definiert schauen die Waden unter den Shorts heraus. Doch sie sind nicht die Kernkompetenz eines Guides: „Kondition und Fahrtechnik setze ich einfach voraus“ sagt er, „aber unterwegs geht es vor allem um Sozialkompetenz und Organisationstalent. Wer zahlt, will sich um nichts sorgen müssen, und er will eine gute Athmosphäre in der Gruppe haben. Du bist als Guide immer ansprechbar und hast mit dem ganzen Werkzeug und Erste-Hilfe-Paket fünf Kilo mehr im Rucksack als die Teilnehmer. Ein guter Guide nimmt immer die Kundenperspektive ein – niemand zahlt, damit der Guide eine gute Zeit hat.“ Dass sie den Papierkarm mit Versicherungen, Finanzamt, Berufsgenossenschaft und vielen anderen Formularverschickern etwas unterschätzt hätten, fügt er noch hinzu. Dann kraxelt er wieder los in Richtung Dachbox. Von der Heckscheibe des kantigen Allrads leuchtet ein kleiner, oranger Schriftzug. Er fasst das in Worte, was sein Besitzer ohnehin ausstrahlt: „Zfriadn sammer“ steht dort in schönstem Bayerisch.


Info: Reiseveranstalter

Wer Bikereisen anbietet, braucht grundsätzlich nur einen Gewerbeschein, kaufmännisches Basiswissen und ein paar Versicherungen. Um das Geschäft kennenzulernen, empfiehlt sich ein Job als Bikeguide für einen etablierten Veranstalter. Gute Voraussetzung für einen solchen Saisonjob ist eine Ausbildung als Fachübungsleiter beim DAV oder ein Lehrgang bei der DIMB. Bessere Honorare für Guides liegen bei 800 bis 1.000 Euro pro Woche inklusive Unterkunft und Verpflegung, manche Veranstalter organisieren auch die Anreise oder ein Diensthandy. Mit Glück kommen dreistellige Trinkgelder dazu. Doch für neue Veranstalter sieht Andi Beger nur geringe Chancen: „Zu 90 Prozent ist der Markt aufgeteilt“ schätzt er.





Jochen Weisenseel, Bikeprofi

Jochen Weisenseel, Bikeprofi

Kette straff

Was macht einer, der schon als Jugendlicher soviele Pokale abgeräumt hat, dass er sie kartonweise im Keller lagern muss? Er fährt einfach immer höherklassigere Rennen. Da wird das Siegen schwerer. Jochen Weisenseel ist gerade 20 Jahre alt geworden und hat das Platzproblem auf diese Weise verringert. Vorübergehend – bis sich herausstellte, dass sein Talent auch ganz oben für glänzende Blechbecher reicht: Deutscher Vizemeister bei den Junioren ist er geworden, bei Weltcuprennen im Nationaltrikot gestartet. Aus dem BIKE-Juniorteam heraus hat ihn Craft-Rocky Mountain engagiert. Seitdem darf er bei wichtigen Rennen in den Teamtruck und wird massiert, der Sponsor zahlt Unterkunft, Material und ein dreistelliges Taschengeld. Dafür greift der Teamchef massiv in die Saisonplanung ein. Für Weisenseel bedeutet der Sponsorenvertrag auch den Wechsel vom Cross Country zum Marathon, vom Zweistunden- zum Etappenrennen. Sportlich taugt ihm die Umorientierung. Und was bleibt einem auch übrig, der von Sponsoren und Prämien leben möchte?

„Irgendwann will ich hauptberuflich fahren“ plant Weisenseel selbstbewusst voraus – ohne auf Reichtümer zu spekulieren: „Ich schätze, da kann man während der Karriere halbwegs von leben. Richtig gut verdienen in Deutschland höchstens Manuel Fumic, Karl Platt, Sabine Spitz.“ Es hat also viel mit Leidenschaft zu tun, was der 64-Kilo-Bursche da treibt. Das Gewinnen-Wollen auf eigene Kappe hatte ihn schon vom Mannschaftssport Fußball zum Kräftemessen im Cross Country getrieben. Ganz ohne Verein, aber tatkräftig unterstützt von den Eltern. „Wenn die Familie nicht hilft, kannst Du´s vergessen“ weiß er. „Wie sonst kommst Du als 14jähriger an ein wettkampftaugliches Bike, wer fährt Dich zum Rennen?“

Mittlerweile hilft ihm ein Trainer per Mail und Telefon, sein Training auf den entscheidenden Punkt zu fokussieren, und demnächst soll ein Auto vom Sponsor das Budget entlasten. Doch ohne Fangnetz wird Weisenseel nicht auf dieser ansteigenden Linie balancieren. Der gelernte Bankkaufmann arbeitet am Fachabitur, um irgendwann studieren zu können: „Ich will auf jeden Fall zweigleisig fahren. Wenn ich ums Verrecken gewinnen muss, um davon zu leben, hätte ich auch den Kopf nicht frei.“


Info: Radprofi

Der konventionelle Weg zum Profidasein führt in ein Team, das beim Welt-Radsportverband UCI gemeldet ist. Die maximal 15 „UCI Elite Teams“ stellen dabei die erste Liga dar, mit Vorrechten bei Startaufstellungen, Parkplätzen etc. und vertraglichen Absicherungen für die Fahrer. Das Einkommen aus Teamvertrag und individuellen Sponsorverträgen ist Verhandlungssache und (über Prämien) erfolgsabhängig. Die Spanne reicht von etwa 5.000 Euro bis deutlich über 100.000 Euro . Auch eine Handvoll Stunt- und Showfahrer lebt vom Biken – ganz ohne Lizenz.




Georg Blaschke, Rahmenbauer

Georg Blaschke, Rahmenbauer

Mit Feile und Flamme

Ein frischgefegtes Dorf in Unterfranken, mit Fachwerkmauern und Geschäften, die zur Mittagspause zusperren. An einer hellgelben Wand hängt das kleine Blechschild „Gebla-Rahmenbau“. Hinterm Hoftor wartet Georg Blaschke, auf den der Firmennamen so schnörkellos verweist wie „Hanuta“ auf eine „Haselnusstafel“. Blaschke ist Rahmenbauer von ganzem Herzen: „Für einen Ingenieur ist das doch ein Traum: Man baut ein grundsätzlich positives Produkt von vorne bis hinten selbst, und nachher sieht man sogar, was man gemacht hat. Andere arbeiten drei Jahre an einer Sitzverstellung für den Golf 7. Das ist ehrenwert – aber das ist doch keine Alternative!“

Ein bisschen in Richtung Sitzverstellung ging es schon, was Blaschke 13 Jahre lang gemacht hat: Als Ingenieur bei SRAM entwickelte er entscheidend an den Bike-Schaltungen der US-Schweinfurter mit, der Rahmenbau war eher Nebenerwerb. Doch vor drei Jahren beendete er die Pendelei. Seitdem ist Blaschke hauptberuflich „Gebla“ – eine One-Man-Show an Telefon und Bildschirm, an Drehbank und Fräse, an Feile und Flamme.

Blaschke ist kein Retro-Löter, sondern detailverliebter Techniker. Vieles, was seine Bikerahmen auszeichnet, nehmen nur Experten wahr: unsichtbare Vorbauklemmungen, ideale Zugverlegungen oder innen ausgedrehte Steuerrohre sind das Ergebnis stundenlanger Hirnarbeit. Blaschke greift nach oben und zieht einen abholbereiten 29er Hardtailrahmen mit Starrgabel vom Haken: „Das sind 45 Stunden Handarbeit. Dazu kommt die Konstruktion, das Material und die Beratung – in diesem Fall waren es etwa 40 E-Mails. Jetzt kann der Kunde die Rohloffnabe genau so mit der Scheibenbremse und der Zugführung kombinieren, wie er es gewollt hat. Für 2.300 Euro. Klar, das kostet soviel wie ein viel leichterer Carbonrahmen. Aber an diesem Teil hier wird er jahrelang Spaß haben! Zu mir kommen Leute, die schon drei oder vier richtig gute Räder hatten und die jetzt genau wissen, was sie wollen.“

Weil er schon zu SRAM-Zeiten seine Eigenmarke betrieb, kennt Blaschke die Voraussetzungen für erfolgreichen Rahmenbau genau. „Die Hürde ist nicht die Metallbearbeitung. Das könnte auch ein guter Handwerker. Man muss einen eigenen Stil entwickeln, ein wirklich individuelles Produkt anbieten“ resümiert er, hängt das Muster wieder weg und legt nach: „Mit dem Rahmen stürzt sich demnächst ein Familienvater mit 70 Sachen den Berg runter. Man sollte also auch handwerklich genau wissen, was man tut.“


Info: Rahmenbauer

Rahmenbauer ist kein eigener Lehrberuf. Trotzdem muss die zuständige Handwerkskammer der Tätigkeit als Rahmenbauer zustimmen. Voraussetzung dafür sind allgemein ein Abschluss als Zweiradmechaniker-Meister oder die Anerkennung einer anderen Ausbildung (etwa eines Ingenieursstudiums) sowie praktische Erfahrungen. Je eigenständiger die Produkte sind, desto höher wird das Investitionsvolumen: wer nur vorgefertigte Rohre und Muffen verlötet, ist mit wenigen 1.000 Euro dabei, doch individuelle Entwicklungen erfordern einen kleinen Maschinenpark und Werkzeuge für mehrere 10.000 Euro. Es gibt in Deutschland derzeit nur eine Handvoll Vollerwerbs-Rahmenbauer.



Christiane Riesinger, Bikemode-Designerin

Christiane Riesinger, Bikemode-Designerin

Bunt am Berg

Es gehört garnicht viel dazu, sich zu den Ursprüngen von Christiane Riesingers Design-Karriere zurückzudenken: Als Latin-Turniertänzerin hatte sie einst angefangen, sich ihre Tanzkleider selbst zu nähen, dann eine Schneiderlehre absolviert. Ein Designstudium kam obendrauf. Die astreine Haltung und Disziplin einer Tänzerin sind geblieben. Doch die Zielrichtung, die hat sich durch das Bike radikal geändert. Tango-Takt und Glitzersteine? Das war früher. Heute steuert sie aus einem sehr ländlichen Gewerbegebiet die Geschicke ihrer Bikewear-Marke „Fanfiluca“ – die Folge einer ziemlich heftigen Infektion mit dem Bike-Virus. Im Viererteam hat sie 2009 das Münchener 24-Stundenrennen gewonnen, für den Alpenverein Touren geführt. Wenn sie Auslauf braucht, radelt Riesinger immer noch über einen 600-Meter-Anstieg ins Herz ihrer kleinen, bunten Bikewear-Welt.

„Mehr als ein Büro und ein kleines Lager brauche ich derzeit nicht“, sagt sie. „Auch die großen Marken haben nur ausnahmsweise eine eigene Fertigung. Meine Sachen lasse ich in Italien nähen, immer im selben Betrieb. Mein Herzblut stecke ich lieber in die Produktentwicklung.“ Dann zeigt sie auf ein kleines Kunststoffteilchen am Trikot, das die Brille aufnimmt und referiert über Patentschutz, Farben, Materialien. Seit 2006 hat sie ihr Gewerbe amtlich angemeldet, doch bis der Firmensitz endlich nicht mehr in der eigenen Wohnung lag, vergingen Jahre. „Ich hatte ja keine Ahnung, was es bedeutet, ein Unternehmen zu haben! Recht, Marketing, Einkauf, Finanzen... der eigentliche kreative Anteil ist auf etwa ein Drittel geschrumpft. Da muss man zäh sein,“ erklärt sie mit einem winzigkleinen Seufzen. Und zieht sich sofort wieder hoch, als habe sie noch ein Gel in der Triktottasche gefunden: „Aber wenn auf Messen die Trendmarken bewertet werden, und meine Sachen hängen da neben den bekannten Labels, das ist schon super!“


Info: Modedesignerin

Klamotten entwerfen darf Jeder. Doch nur, wenn zu Instinkt und Geschmack auch Sachkenntnis über Materialien und Fertigungstechnik kommt, dürfte ein eigenes Label Erfolg versprechen. Ausbildung und Abschlüsse als Modedesignerin bieten private Schulen und staatliche FHs/ Unis an (Wikipedia nennt 78 Ausbildungsstätten in Deutschland). Der Kapitaleinsatz zur Gründung eines neuen Labels bleibt überschaubar, da eine eigene Fertigungsstätte die absolute Ausnahme ist. Für angestellte Modedesigner beginnen die Einstiegsgehälter bei etwa 20.000 Euro jährlich.




Peregrin „Pere“ Zunke, Bikehändler

Peregrin „Pere“ Zunke, Bikehändler

Allzeit bereit

Niemand muss Peregrin Zunke nach seinem Hobby fragen: vom Handgelenk bis zum T-shirt-Ärmel verteilt sich die sauber eingestochene Explosionszeichnung eines Ritzelpakets. Der Mann, den sie „Pere“ nennen, brennt fürs Bike wie kaum ein Zweiter. Seit er 16 ist, schraubt er in Bikeshops, in der Freizeit schmeißt er sich die Trails runter, dass es staubt. Und letzten Sommer, als er den Shop ausnahmsweise für ein paar Tage zugesperrt hatte, hat er mit ein paar Kumpels irgendwo im Süden ein professionelles Bikevideo gedreht. Wie gesagt: „Pere“ brennt für den Sport. Doch jetzt ist sein Shop eigentlich seit einer Viertelstunde geschlossen, als ein älteres Paar durch die Glastür kommt, um sämtliche ergonomischen Lenkergriffe durchzuprobieren. Kaum hat er hinter ihnen den Schlüssel rumgedreht, klopft eine Mutter energisch an die Scheibe. Pere zuckt mit den Schultern und verkauft ihr in aller Seelenruhe einen günstigen Kinderrad-Reifen. Dann knipst er im vorderen Bereich das Licht aus und hievt hinter der Theke ein Bike in den Montageständer. Bremsenservice. Am Feierabend – und es ist nicht einmal sein eigener Laden, sondern eine Filiale des „Radhauses Starnberg“. Lohnt sich das, Pere? „Ich werde hier nicht reich. Aber ich habe lieber einen Job mit mehr Spaß und weniger Geld, als jeden Tag zu kotzen, weil ich im Anzug ins Büro muss. Außerdem krieg´ ich die Teile billiger. Das passt schon.“ Eigentlich ist Zunke Augenoptiker, doch nach seiner turbulenten Schulkarriere war das eher ein Aufblitzen von Vernunft als echte Leidenschaft. Biken, Schrauben, Klettern, im Winter Zipfelbob fahren, das ist wichtig – mal ganz abgesehen von der Freundin und den Hühnern im Garten. Natürlich weiß er, dass „Zweiradmechaniker“ ein Lehrberuf ist, in dem er kein Zeugnis vorweisen kann. Doch noch ist die Bikebranche ein Biotop, das unkonventionelle Karrieren zulässt. „Schau Dich mal in den kleinen Läden um“, sagt er. „Das sind fast alles Enthusiasten und Quereinsteiger.“ Irgendwann will er seinen eigenen Laden aufmachen. Und ganz sicher wird dann ein junger Bursche durch die Tür kommen, der für wenig Geld und gute Teile die Werkstatt schmeißt.


Info: Bikehändler

Rechtlich steht einem reinen Fahrrad-Verkauf wenig im Weg: eine Gewerbeanmeldung bei der jeweiligen Gemeinde genügt. Doch sobald eine Werkstatt Reparaturaufträge annimmt, muss sie einen Zweiradmechanikermeister beschäftigen. Die Erstausstattung mit Inventar, Werkstatt und 20 bis 30 hochwertigen Rädern erfordert einmalig mindestens 50.000 Euro. Angestellte in Bikeshops können mit Bruttogehältern zwischen etwa 1.500 und 2.500 Euro rechnen.


Fotos: Jörg Spaniol

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