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Hubschrauber im Schnee
Foto: Oliver Soulas

Rastlos in Tacherting

Wo Syntace draufsteht, ist Hirnschmalz drin: Am südöstlichen Rand der Republik ertüfteln Jo Klieber und sein Team seit über zehn Jahren Bike-Teile, die besser sind als die Meisten. Zu Besuch bei einem ruhelosen Geist.

Jochen Klieber ist keine Koralle. Deshalb wippt er auf seinem pilzförmigen Bürostuhl von rechts nach links, von einem großen Flachbildschirm zum nächsten. Dreht mit der einen Hand an einer Art Joystick, klickt mit der anderen gleichzeitig den Cursor in irgendwelche Schaltfelder eines ausgefuchsten Designprogrammes, bis der Kopf der virtuellen Sattelstütze wunschgemäß steht. Rotiert auf dem orthopädischen Sitzpilz weg vom Entwurf und sagt: „Der Mensch muss sich bewegen beim Denken. Er ist ja schließlich keine Koralle!“ Der Mensch Klieber ganz bestimmt nicht. Festgewachsen und starr darauf wartend, dass zufällig eine geniale Idee vorbeischwimmt? Nein, unvorstellbar für so einen, denn: „Jede wirklich gute Firma wurde von einem Überzeugungstäter gegründet.“ Seine heißt „Jo Klieber Entwicklung und Vertrieb“, beschäftigt in einer umgebauten Mühle am Ostrand Oberbayerns ein Dutzend Menschen und ist vor allem durch leichte, clevere Vorbauten und Lenker der Marke „Syntace“ bekannt.

Über den Konstrukteur Klieber gibt es keine Universitäts-Akten, denn er hat sich alles selbst beigebracht. Trotzdem findet ihn das Internet als Referenten auf einer Fachmesse für computergestütztes Design. „Ob sich einer unmenschlich anstrengt oder eine super Qualifikation hat, das zählt für mich nicht. Was zählt ist, ob einer etwas herstellt, das die Menschen freut, ohne die anderen Lebewesen unnötig zu schädigen.“ Zwei Konsequenzen der Erkenntnis: Sein Essen kommt aus dem Naturkostladen. Und zwischen den Kontinenten reisen, wenn immer möglich, Datenpakete via Satellit statt Jochen Klieber im Jet.

Problemzonen im Aluminium

Oft fließt der Datenstrom nach Taiwan, dem Herkunftsland der meisten Syntace-Produkte. Dort sitzt Louis Lu, sein Geschäftspartner. Der verwandelt die Entwürfe und Prototypen aus der Syntace-Mühle in serienmäßige Lenker, Vorbauten, Sattelstützen. Und wenn das nicht so klappt, wie beide sich das vorstellen, glimmt das Betriebslicht einer Webcam zwischen Kliebers Riesenbildschirmen auf. Dann zeigen Technikerfinger in Taiwan und Tacherting auf die Problemzonen im Aluminium, bis Anspruch und Wirklichkeit zueinander passen. Das kann dauern, doch der Erdatmosphäre bleibt viel Kerosin erspart. „Ich habe das Glück gehabt, dort einen zu finden, der so tickt wie ich“ sagt Klieber.

Dann dreht er seinen Pilzstuhl wieder Richtung Bildschirm und gezielte Klicks bewegen das virtuelle Sattelstützenmodell einen Tick weiter. Die Enter-Taste befiehlt schließlich die Simulation einer Belastung mit fünffacher Erdbeschleunigung. Das ist soviel wie der meterhohe Drop eines betrunkenen Fahrers. 29.000 Einzelelemente des 3D-Gitternetzes geraten in Bewegung, länger als einen Tag dauerte eine einzelne Rechenoperation früher. Der 12.000-Euro-Rechner kennt praktisch jedes Molekül des Modells beim Vornamen. Doch Dank optimierter Rechenpower verformt sich das Teil jetzt schon, bevor sein Schöpfer stolz feststellen kann: „Genauso sieht das in der Praxis auch aus.“

Akribische Zerstörung

Der wissenschaftliche Teil der Praxis lässt nebenan die Erde beben. In der Werkstatt – „Zutritt nur nach Aufforderung“, denn es könnten geheime Prototypen herumstehen – knechtet ein Maschinenpark Leichtbaulenker zu Aluminiumschrott. Daneben haucht ein Rohr stoßweise salzigen Dampf über eingespannte Vorbauten. Immer wieder. Kristalle wuchern, Rost tropft ab. Die Maschinen zerstören, was ihr Gebieter ersonnen hat. Evolution im Zeitraffer, Zerstörung mit äußerster Akribie. Was versagt, wird neu geschaffen. Denn schließlich ist es die Abteilung „Entwicklung“ die den Vertrieb am Rotieren hält.

Im Technikerdeutsch hieße es: „eine Gewichtskraft von 62 Kilo zieht den Körper von Jo Klieber Richtung Erdmittelpunkt“, seine Nachbarn in Tacherting würden sagen: „Ein guter Hahn wird nicht fett.“ Der maßgebliche Teil der Entwicklungsabteilung jedenfalls sitzt auf einem fast zierlichen Körper und schaut mit blauen Augen tief in die Zusammenhänge der Welt. Viele Selfmade-Menschen haben nur Antworten. Klieber beobachtet, hört zu, hat Fragen. Eine davon lautet „Was hat er denn da schon wieder gebaut, der Hundling!?“ und ist ein Zeichen respektvoller Anerkennung für die offensichtlich selbstkonstruierte Apparatur des Estrichlegers, der gerade im Anbau werkelt. Selber nachdenken, selber machen, das ist seine Welt. Und die ist beileibe nicht aufs Bike beschränkt. „Gestern habe ich auf dem Wühltisch im Buchladen ein Buch über Traktoren gekauft. Als ich das abends angeschaut habe, war wieder mal klar: die simpelsten Konstruktionen haben sich auf Dauer bewährt. Der ewig gebaute Lanz-Motor war so simpel wie eine Luftpumpe! Und so ist es einfach: Das perfekte Produkt kann jeder ohne Bedienungsanleitung sofort verstehen und benutzen, ohne dass es dabei verreckt.“ Wenn er irgendwann die Zeit dazu finden sollte, möchte er seine Homepage um eine Rubrik für perfekte Produkte erweitern. Sein Schreibtischstuhl steht schon auf der Liste. Doch jetzt kippelt der verlassen auf der Stelle, weil Mr. Syntace sein Lieblingsbuch zum Thema Konstruktion sucht. Kein Wälzer mit Formeln, Tabellen und Software-CD, sondern ein Kinderbuch. Es heißt: Stupsi erklärt den Baum. „Die Natur macht das perfekt! Das Material wächst genau dahin, wo es gebraucht wird. Da ist nichts zuviel, nichts ohne Grund!“ begeistert sich der Erdenker leichter Lenker und wartet stirnrunzelnd ab, ob sein Zuhörer ihm folgen konnte.

Lieblingsbuch: "Stupsi erklärt den Baum"

Konnte er? Gut, dann weiter durch die Welt der Firma „Jo Klieber Entwicklung und Vertrieb“. Zum Vertrieb. Gerade bewältigt der die logistische Seite einer Rückrufaktion. Gebrauchte, superleichte Vorbauten klimpern in einen fast vollen Karton. Auf sie wartet der Shredder. Nagelneue, superleichte Vorbauten rascheln in Polsterumschläge. Auf sie warten die Kunden.

Nachdem es Klieber mit Hilfe seiner neuen Testmaschine gelungen war, Schäden durch „Spannungsrisskorrosion“ zu provozieren, tütet die Klieber-Crew nun Austauschteile ein. Pappkisten und Packlisten, das nehmen ihm die Mitarbeiter ab. Doch selbst ein Teiletausch kann Chefsache sein. Dann, wenn einer sich stur stellt. „Die meisten Kunden finden das gut, dass wir die Sachen austauschen, bevor etwas passiert. Aber es gibt da so verhetzte Typen, die glauben, wir müssten ihnen ein Taxi für den Weg zur Post bezahlen, ein Austauschbike hinstellen und ihren Nutzungsausfall honorieren. Um soviel Kohle zu haben, hätten wir sie beim Kauf bescheissen müssen“. Dann sucht sich Klieber eine ruhige Ecke, atmet tief durch und ruft den Problemkunden an. Bisher hat das noch immer gewirkt.

Der Schnelldurchlauf führt weiter in ein Nebengebäude, in dem der Estrichleger gerade Beton verspritzt. Im ehemaligen Stall entsteht ein Raum mit einer Badewanne. Die steht nicht etwa gekachelt im Eck, sondern in einer sehr breiten Grube voller Kieselsteine: „Da muss ich nicht aufwischen, wenn ich mit nassen Füßen aus der Wanne steige. Und wenn die Installation Ärger macht, kommt man mit der Schippe dran.“ Im gleichen Gewölbe sollen irgendwann ein paar Schneiderpuppen aus Drahtgeflecht stehen. Für die Bikeklamotten. Ein simpler Kleiderschrank kommt nicht in Frage. „Ist doch viel sinnvoller so! Ich wasche die Sachen, hänge sie dort zum Trocknen und kann sie gleich von der Puppe wieder anziehen. Das spart mindestens zwei Arbeitsgänge!“

Und schafft so Freiräume für die Praxis. Den sinnlichen Teil, die Basis aller Entwicklung. Ein geschotterter Pfad, gut lenkerbreit, umkreist das Syntace-Reich. Mit Hügeln, Sprüngen, Kehren. Nach genauem Plan gebaggert, um Spieltrieb und Forscherdrang zugleich zu befriedigen. Mit knapp fünfzig wartet Ex-Crosser Jo Klieber darauf, dass die Baustelle den Trail wieder freigibt. Denn der Table hinter dem Double, den will er endlich sauber springen. Schon möglich, dass ihn dabei mitten in der Luft der Blitz einer neuen Erkenntnis trifft. Schließlich ist der Mensch keine Koralle. Dieser nicht.