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Foto: Jörg Spaniol

Nordic Schlepping

So norwegisch wie wie Kabeljau und Ölmilliarden: das „Friluftsliv“, das Abenteuer in der Natur. Besonders viel Draußen finden Rucksackfreunde auf der Insel Senja. Weit jenseits des Polarkreises führen rote Farbkleckse durch menschenleere Berge. Eine herrlich einfache Strapaze.

„Brauchst Du ein Mückenmittel?“ Roy Alapnes grinst verschmitzt und so sparsam, wie es sein nordisches Temperament vorsieht. Und sehe ich da ein wenig freundliche Häme durchblitzen, über den hektisch wedelnden Deutschen in einer Wolke aus schwirrenden Moskitos? Da sitzt schon wieder so ein Vieh, dummdreist auf der Nasenspitze. „Ja, Roy, ziemlich gute Idee.“ Sekunden später hält der Wanderführer unseres Vertrauens je ein grünes, ein gelbes und ein weißes Plastikfläschchen in die Luft: „Welches willst Du?“ „Keine Ahnung. Welches funktioniert am besten?“ In Roys Antwort liegt keine Spur von Ironie. Sie könnte direkt aus einem der lakonischen Kaurismäki-Filme stammen: „Ich glaube, heute ist ein grüner Tag. Nimm das grüne.“ Guter Tipp. Ein Spritzer vom Aftershave der Tundra und eine durchziehende Bö verjagen die Saugetiere.

Deren Gier ist indessen verständlich: An Menschenblut mangelt es auf Senja. Die gebirgige Insel nördlich der Lofoten und Vesterålen ist so abgelegen und rau, dass der touristische Mainstream an ihr vorbeifließt und nur 8.000 Menschen dauerhaft hier leben. Ganze fünf Menschlein sind das für jeden der 1.600 Quadratkilometer. Wir sind drei solche Menschlein, und hier, mitten in den Bergen, umgibt uns vermutlich mehr als nur ein menschenfreier Quadratkilometer. Genau das ist einer der guten Gründe, warum wir hier sind. Dominik ist dabei, ein in den Alpen bewährter Freund. Nach Senja treibt uns das Bedürfnis, Berge im unbespaßten Naturzustand zu erleben. In den Alpen hatten wir uns längst angewöhnt, erst oberhalb der Baumgrenze andere Wanderer zu grüßen, einfache Wege zu meiden, und die Touren so auszuwählen, dass es im Zielgebiet weder Almhütte noch Sessellift gibt. Nichts gegen Menschen – manche sind hübsch, andere wenigstens nett – aber manchmal will man eben alleine sein in einer grandiosen Landschaft. Die durchmarkierte Senja-Durchquerung scheint das zu bieten. Im Internet diskutiert jedenfalls niemand darüber.

Heute ist ein grüner Tag

Dritter im Bunde ist Roy mit dem Mückenmittel, 45jähriger Insulaner und für zwei Etappen unser Guide bei der Jagd nach den roten Farbklecksen, die zusammen den Wanderweg „Senja på langs“ bilden. Nicht, dass man dafür unbedingt einen Pfadfinder bräuchte, aber von wem sonst sollte man auf dieser einsamen Insel erfahren, was das Leben im subarktischen Off so bietet? Zum Treffpunkt an der einzigen Wanderhütte war er in der Früh mit einem gutsortierten Rucksack aufgelaufen, der schon viel über die norwegischen Outdoorfreuden verrät: „Viking 130“ heißt das Modell, und die Zahl bezeichnet das Volumen in Litern. Das ist soviel, wie in sechs normale Tagesrucksäcke passt. Unsere sind nur wenig kleiner und gut gefüllt: Bergeweise Campingkrempel steckt darin, Instantfutter, Hartkäse und Speck, dazu eine Knolle Knoblauch und ein winziges Stückchen Seife.

Klingt nach Männerausflug, nach Stadtcowboys voller Naturromantik? Ja, kann sein. „Seele baumeln lassen“ ist hier jedenfalls nicht drin. Die würde nur nass und schmutzig. Auf Senja hat die Wellnessoase scharfe Kanten. Die Insel steigt aus dem eiskalten Nordatlantik tausend Meter in die Höhe, und das mancherorts fast senkrecht. Viele der düster-dramatischen Küstenberge sind extremes Gelände, und auch im Inneren verwehren schroffe Geröllhänge den Durchmarsch in Luftlinie. Der Weg „Senja på langs“ geht mittendurch und umschifft trotzdem die größten Hindernisse. In Talsenken schlängelt zieht sich die gedachte Linie der Farbkleckse durch ein Geflecht aus Birken-, Erlen- und Weidenzweigen, das etwa 300 Meter über dem Meer schütter wird. Oberhalb der Baumgrenze steigen die Punkte dann in einer möglichst kraftsparenden Spur hinauf zu den zunehmend kargen Pässen mit ihren kompakten Schneefeldern. Die Spur verknüpft die Routen, auf denen wetterfeste Angler ganzjährig zu den Bergseen stapfen und auf denen im Spätsommer Schneehuhnjäger in die flammend-bunte Tundra ziehen.


Wir rackern mit zwei Stundenkilometer über Moos und Stein, halb so schnell wie in den Alpen. Ein Gebirge im Urzustand hat keine Wege. Wege gehören nicht zum Lieferumfang, die muss jemand bauen oder wenigstens trampeln. Ein „Weg“auf Senja ist deshalb eher ein Vorschlag als eine Furche durchs Gelände. Die glänzendroten Markierungen, hier an weißer Birkenrinde, dort an einem spitzen Stein, ermutigen den Wanderer lediglich, eher hier entlang als einen Meter daneben durch den Sumpf zu gehen. Und so genießen wir das exklusive Vergnügen, in manchem Matschloch als mutmaßlich erster Mensch seit Jahren einzusacken, steigen schweigend über Moospolster von der Dicke ladenneuer Daunenkissen und teilen mit den schweren Bergschuhen duftige Wiesen aus Wollgras. Natur ist schön, aber glitschig. Roy rutscht nie aus. Nicht mal ein klitzekleines Straucheln bremst seinen Vortrieb. Ich lasse abreißen, und das ist garnicht gut fürs Männerego. Irgendwann muss Roy das Hecheln hinter seinem Rücken vermisst haben. Er sieht meinem Eiertanz kurz zu und fragt dann verständnisvoll: „Du bist es nicht so gewohnt, auf Felsen zu gehen?“ Er hat es sicher nicht böse gemeint.

Ein Hintern auf dem Fakirbrett

Gipfel sind auf dieser Route ein verzichtbarer Luxus. Das Vorwärtskommen ist mühsam genug – und wen will man schon damit beeindrucken, dass man auf dem Bratthaugen, dem Fiskenestindan oder dem Gazzpaivi stand? Doch das erhabene Gipfelstürmer-Gefühl in seiner Mischung aus Erleichterung, Stolz und Fernsicht, das liefert in der Wildnis selbst ein karger Talübergang. Schwer wie ein dicker Hintern auf einem Fakirbrett ruht die graue Wolkendecke auf spitzzackigen Bergen. Es ist kurz nach Neun am Abend, Höhe 800 Meter. Von Nordwesten quetscht die polare Sonne einen gleißend silbernen Streifen unter das Grau. Sie scheinwerfert über das Meer da unten und lässt es quecksilbrig funkeln. Große Schneeflecken liegen lichtgrau auf Geröll. Wir könnten immer weiterlaufen, wenn wir eben könnten, denn die ganze Nacht hindurch wird es hell bleiben. Der kurze Polarsommer macht keine Pause, doch die Natur ist stärker als unsere Beinmuskeln.

Stillstand, endlich. Runter mit dem Rucksack auf die schwarze Erde und einen halbwegs ebenen Fleck für das Zelt suchen. Die meisten der von Wind und Schmelzwasser abgelagerten Terassen sind schwammnass, doch zwischen zwei Rinnsale aus klarstem Trinkwasser passt der blaue Schlaftunnel perfekt. Schlafsack ausrollen, damit er sich schön aufplustert. Trockene Klamotten anziehen, denn die Temperatur sinkt schnell auf fünf oder sechs Grad. Den Kocher rauszerren, auffüllen, anzünden. Und erst im Warten auf das Brodeln des Teewassers realisiert der Verstand, was hier eigentlich los ist. Nämlich: Absolut nichts. Eine Stille, die in den Ohren klingelt. Eine Natur, der wir komplett gleichgültig sind. Ein menschenleerer Frieden mit einem Hauch von Ewigkeit. Ein Verstand, aus dem die Gleichförmigkeit und Klarheit stundenlanger Bewegung alle Schlacke entfernt hat. Es bleiben die Basics: Schutz gegen das Wetter. Ein gesunder Körper. Genug zu Essen. Freundliche Menschen in der Nähe. Sonst ist da nichts. Was sonst braucht es?

Tagesthemen im Nahbereich

Gegen halb elf sind Vorspeise (Instant-Couscous mit viel Öl) und Hauptgang (Instant-Kartoffelpürree mit Speck und Knoblauch) restlos aus den Plastiknäpfen geschabt. Das Fern-Seh-Programm zeigt weiterhin Wolkenspiele und Lichtreflexe, die Tagesthemen liegen eher im Nahbereich. Roy erzählt von seiner Insel und der absoluten Notwendigkeit, sich immer wieder in die Natur zurückzuziehen, um zur Ruhe zu kommen. Denn eigentlich, das stellt sich langsam heraus, begleitet er uns vor allem, um mit gutem Grund durch die Berge streifen zu können. Sein Geld verdient er mit seiner eigenen Hightech-Lachsfarm in einem der klaren Fjorde. Doch die überlässt er immer wieder seinen Angestellten, um das ungebundene „Friluftsliv“ hier draußen zu genießen. Und dann glüht Roy direkt südländisch auf, als er von seinem Hund erzählt, den er für die Jagd abgerichtet hat, von seiner verwunschenen Holzbude im Nationalpark, den einsamen Wintertouren – und vom Angeln. „Was Roy, Du angelst? Du hast eine Million Lachse zuhause und gehst angeln? Warum tut man so etwas?“ Roy stutzt eine Sekunde über diese naive Frage. Und gibt mit fast feierlichem Ernst eine Antwort voller echtem Outdoor-Spirit: „Weil man beim Angeln nie genau weiß, was passieren wird. Es liegt an Deinem Können und am Zufall, was Du rausziehst“

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