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Foto: Jörg Spaniol

Schwarz ist die Hoffnung

Sambia ist eines der ärmsten Länder der Erde. Ein funktionierendes Fahrrad signalisiert Wohlstand, ein Rennrad puren Luxus und ein Stück Freiheit. Auf einer großen Farm außerhalb der Hauptstadt schlägt das Herz der sambischen Radsport-Szene. Ihr Herzschrittmacher: ein weißer Farmer.

Morgens um vier ist ist die Welt noch in Ordnung. Dann ist die Nacht um Mazabuka so schwarz wie gasförmige Lakritze. Noch zwei Stunden, dann wird knallhartes Licht wieder den Tau von den Kaffeesträuchern der Mubuyu-Farm saugen. Zwei Stunden Dunkelheit, Kühle, Stille – sie sind das schmale Zeitfenster, durch das sich Bright Chintu und Danny Kachula täglich zwängen, um bessere Radfahrer zu werden. Von vier bis sechs jagen die beiden auf ihren strapazierten Maschinen über die nächtliche Hauptstraße, auf nüchternen Magen, ohne jede Beleuchtung, und nur der Himmel weiß, wie sie das sturzfrei machen: drei Kilometer geschotterte Farmroad bis zum löchrigen Asphalt. Eine Stunde Vollgas auswärts, dann wieder zurück. Dann wird es hell, und dann beherrschen die gnadenlosen Trucker aus Zimbabwe wieder die Straße, die noch nie für einen Radfahrer gelenkt oder gar gebremst haben. Um sieben stehen Bright und Danny, zwei der besten Radfahrer des Landes, in Arbeitskleidung bereit zur Farmarbeit. Sie haben es richtig gut erwischt.

Ein Arbeitsplatz und soviel zu essen, dass man es sinnlos im Sattel verbrennen kann, sind in Sambia nicht die Regel. Die Vereinten Nationen berechnen regelmäßig den „Human Development Index“ der in ihnen vertretenen Staaten, eine Art Hitparade des Wohlergehens. Lebenserwartung, Einkommen, Bildung undsoweiter spielen da eine Rolle. Deutschland hat es im vergangenen Durchgang auf Platz zehn geschafft. Sambia lag auf Platz 150 von 169 aufgeführten Staaten, mit einem Pro-Kopf-Einkommen um die 600 Euro – pro Jahr, wohlgemerkt.

Jesper Lublinkhof hat es noch besser erwischt. Er ist der Boss von Bright und Danny. Lublinkhofs Familie gehört die etwa 20 Quadratkilometer große Mubuyu Farm mit der Nyati Getreidemühle, der Munali-Kaffeeproduktion, einem Stausee, einer Landepiste, einer Polizeistation, einer Schule und einem Gesundheitsposten. Jesper Lublinkhof ist keiner, der sich das Wort „Boss“ extra aufs T-shirt schreiben muss. Knapp zwei Meter groß ist er, athletisch, Ende Dreißig. Knappe Sätze, sparsame Mimik, hohe sprachliche Präzision. Der Boss eben, Gebieter über 3.000 Angestellte.

"Äthiopien und Kenia machen es mit den Läufern vor"

Vor über 40 Jahren hatte sein Vater Holland hinter sich gelassen und aus dem Nichts die Farm aufgebaut, eine der modernsten des Landes. Jetzt führt sein Sohn Jesper die Geschäfte – und pflanzt, wie schon sein Vater, neben Mais, Weizen und Kaffee auch die Leidenschaft für den Radsport: In den frühen Neunzigern trat Lublinkhof mehrmals als Einmann-Team bei Mountainbike-Weltmeisterschaften an und brachte es zu einem respektablen achten Platz im Downhill – der vielleicht größte internationale Erfolg eines sambischen Radsportlers. Auch fast zwei Jahrzehnte später ist er fit genug, um Mountainbikerennen wie das südafrikanische „Cape Epic“ zu bestreiten oder bei Straßenrennen das Feld hinter sich zu lassen. Doch seine Liebe zum Sport geht darüber hinaus: Bright und Danny, seine Angestellten, tragen das gelbe Trikot des „Munali Coffee Team“. Des besten Rad-Teams, das Sambia je hatte. Seines Teams, rekrutiert aus den vier Hüttendörfern auf dem Farmgelände.

„Es wäre eine Schande, das vorhandene Potenzial nicht zu nutzen“ sagt Lublinkhof. „Äthiopien oder Kenia machen es mit den Läufern vor, und ich bin überzeugt, dass es in Sambia ein Riesenpotenzial an Radsportlern gibt: die Sportler hier haben ein enormes athletisches Talent, dazu einen ungeheuren Kampfgeist. Es ist egal, ob sie einen Platten haben, ob eine Speiche reißt oder das Wetter umschlägt – sie werden das Rennen zuende fahren.“

Seit sieben Jahren siegen Fahrer seines „Munali Coffee-Teams“ bei allen nationalen Rennen und manchmal sogar im Ausland. Die Teamgründung ergab sich am Kreuzungspunkt zweier sehr unterschiedlicher Lebenslinien. Es trafen aufeinander: Jesper Lublinkhof, Großbauer und Ein-Mann-Nationalteam, und Peter Chintu, ein drahtiger schwarzen Sambier mit großem Siegeswillen. Bevor er Lublinkhof als Sponsor gewann, arbeitete der heute 46jährige als Fotograf. Sein Geschäftsmodell: mit dem Rad durchs Land fahren, die Farmer-Familien ablichten. Die 120 Kilometer von seinem Revier bis ins Labor der Hauptstadt Lusaka strampelte er mit einem alten Sportrad, den Rückweg inklusive Lieferservice ebenso. Das Ergebnis der einfachen Gleichung „mehr Tempo gleich mehr Kunden gleich mehr Geld“ war fast zwangsläufig eine exzellente Fitness, denn Autos leistet sich hier nur die Oberschicht. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich unterwegs alle abgehängt habe, die sich mit mir anlegen wollten“ lacht Chintu ein wenig verlegen. Doch wohin mit der Form, ohne organisierte Rennen und belastbares Material? Eben: Zu Jesper Lublinkhof, dessen Radverrücktheit in der ganzen Gegend bekannt ist. Das Treffen resultierte für Chintu in mehreren Landesmeisterschaften, einem Job auf der Farm und irgendwann in der Aufgabe, als Trainer des Werks- und Nationalteams noch mehr schnelle Fahrer zu suchen und auszubilden.

Zehn Dollar machen 22 Leute glücklich

Die Höhe der Einstiegshürde in den Radsport ist aus europäischer Sicht schwer vorstellbar. Es geht um sehr, sehr grundlegende Probleme: „Wenn Du wissen willst, warum hier niemand Rennrad fährt, musst Du nur rechnen: Beim Fußball machst Du mit einem 10-Dollar-Ball 22 Leute glücklich. Ein 1.000-Dollar-Rennrad reicht gerade mal für Einen. Aber hat der dann auch genug zu essen? Die Fahrer, die hier in den Dörfern leben, essen fast nur Nshima, den Maisbrei. Aber ohne Eiweiß werden sie auf Dauer abbauen, wenn sie jeden Tag trainieren. Die Familien müssen also bereit sein, den Fahrer zu unterstützen.“ Beim Hardware-Problem helfen Lublinkhofs internationale Kontakte – unabdingbar, da es in ganz Sambia kein sportlich belastbares Material zu kaufen gibt. Für junge Fahrer wie Danny Kachula und Peters Sohn Bright ist schon damit der Ehrgeiz geweckt: „Der Stolz darauf, eine so schöne Maschine bewegen zu können, ist eine großartige Motivation“ sagt Peter Chintu. „Wenn wir in die Dörfer kommen, versammeln sich die Menschen um uns und stellen Fragen. Sie schauen alles ganz genau an.“

Doch dass Talent und ein Rad nicht ausreichen, stellt der Trainer jedes Jahr aufs Neue fest. Dann treffen sich Sambias Rennfahrer und Aspiranten zu einem Trainingscamp auf der Mubuyu Farm. In einem Land ohne jede Radsport-Kultur kann das skurril werden. Chintu zeigt beim Lachen seine perlweiße Kauleiste und erzählt kopfschüttelnd von Sichtungsrennen, die nach kürzester Zeit in einem Massensturz endeten, weil die Teilnehmer vom Start weg mit Vollgas, aber ohne jede Fahrtechnik losbrachen. Von Fahrern, die das Wasser in der Gluthitze nicht tranken, sondern sich nur über den Körper gossen, bis sie mit Krämpfen aufgeben mussten. Doch woher sollten sie es auch besser wissen? Die weit und breit beste Quelle für Radsportwissen stapelt sich in Peter Chintus Häuschen unter einer Häkeldecke: 120 Videokassetten der Tour de France, systematisch geordnet. „Tour de France 2008, 8. Etappe, 172,5 km“ steht da beispielsweise drauf, und wenn Trainer Chintu den Aspiranten erklären will, wie ein Sprint oder ein Zeitfahren funktioniert, rumpelt die entsprechende Kassette in den Schacht des alten Rekorders.

„Wir sind immer wieder aufgestanden und haben sie plattgemacht!“

Chintu weiß genau, dass seine Leute weit hinter den Trainingsstandards der reichen Länder zurückliegen. Seiner Begeisterung schadet das überhaupt nicht. Mit strahlenden Augen erzählt er von der Teilnahme des Munali-Teams am „Africycle“-Etappenrennen im Jahr 2007: „Die Südafrikaner haben uns nicht ernstgenommen, weil wir in Zelten geschlafen haben, sie in teuren Hotels mit Klimaanlage. Wir haben Nshima gegessen, sie hatten alles, was man sich vorstellen kann. Und trotzdem sind wir immer wieder aufgestanden und haben sie plattgemacht. Sie konnten es garnicht fassen!“ Der Triumph ist schon ein paar Jahre her, doch noch immer glüht Chintu vor Stolz. Die beiden damaligen Top-Fahrer des Munali-Coffee-Teams unterschrieben nach dem Rennen bei einem Continental-Profiteam in Südafrika. Eine Enttäuschung?

Jesper Lublinkhof, der für solche Trips Reisekosten und Material aus der Privatschatulle zahlt, sieht das ganz anders: „Das war unser größter Erfolg! Wir haben gezeigt, dass man mit unseren geringen Mitteln Profi werden kann. Talente zu finden, zu fördern und dann in internationale Teams vermitteln – mehr geht nicht. Um über ein bestimmtes Niveau herauszukommen, muss man hochklassige Rennen fahren, und die gibt es nicht in Sambia. Die nächsten davon starten in Südafrika, das sind 1.000 Kilometer von hier. Es ist nicht das Material, das uns die Grenzen setzt. Das lässt sich organisieren. Der Haken sind für uns die Rennen,“ sagt Lublinkhof und schaut in die Ferne.

Neben seiner Familie unterstützte bis vor kurzem noch eine Bank mit radsport-affinem Manager die sambische Rennszene, und immer wieder konnten Top-Fahrer und Trainer Peter Chintu zu UCI-Lehrgängen reisen. Doch dieses Jahr hat die Bank auf die Sponsoringanfrage für die Landesmeisterschaften nicht reagiert – offenbar hat der Manager das Land verlassen. „Wir nehmen unser Engagement ein wenig zurück“ sagt Lublinkhof dann. „Wir machen das jetzt schon so lange, und irgendwo sind uns da auch Grenzen gesetzt. Ich würde mir wünschen, dass sich auch andere beteiligen.“ Dabei verliert seine kräftige Stimme ganz kurz an Druck. Etwa zwei Jahre zuvor hatten Börsenspekulanten den Kaffeepreis so zugrundegezockt, dass die Farm kurz vor dem Verkauf stand. Das glorreiche Munali-Team, einst bis zu zehn Fahrer stark, ist auf Danny und Bright zusammengeschrumpft.

Im Hintergrund verschwimmen die weißen Gesichter

Peter Chintu räumt seine Unterlagen zusammen und macht sich zu Fuß auf den staubigen Weg zur Hauptstraße. Irgendwann kommt dort bestimmt ein Sammeltaxi vorbei, das ihn mit in die Hauptstadt nimmt. In Lusaka werden sie dann den Rennkalender der Saison festlegen. Lublinkhof klickt sich derweil durch die Foto-Ordner seines Laptops, um seine Erzählung mit Rennfotos anzureichern. Stutzt, blättert weiter. Dann füllt ein Foto den Bildschirm: der US-Radprofi Rahsaan Bahati vom Team Rock Racing, der einzige Schwarze im Profigeschäft, bei einem Solo-Ausreißversuch. Im Hintergrund verschwimmen die weißen Gesichter seiner Konkurrenten. Lublinkhof hebt den Blick über die Bildschirmkante und sein Gesicht wagt ein versonnenes Lächeln. „Das Bild mag ich besonders: ein Schwarzer, der in diesem „weißen“ Sport vorne wegfährt. Wenn wir es schaffen würden, den ersten schwarzafrikanischen Fahrer in einem Tour-de-France-Team unterzubringen – und sei es nur ein einziges Mal – würden hier alle ausflippen. Und ich bin ernsthaft überzeugt: Das kann passieren!“

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