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Foto: Jörg Spaniol

Den Letzten beißen die Schweine

Das Grauen hat einen Namen: Eisenschweinkader. Die Mitglieder des Berliner Radler-Zirkels tauchen unangemeldet in Stadtparks auf, fahren Crossrennen, die keine sein dürfen, und sind weg, bevor die Polizei kommt. Ihr bleibt eine Duftspur aus Schweiß und Glühwein.

Wer es geschrieben hat, geht aus der Internetseite des Eisenschweinkaders nicht hervor. Aber es ist extrem wahrscheinlich, dass er dabei einen Heidenspass hatte: „Es handelt sich um ein kleines Treffen von Radfahrern. Wir führen kein Rennen durch. Bitte bring ein bisschen Kleingeld für den Glühwein und was zu Knabbern mit. Kaffee und Tee ist selbstverständlich auch sehr gern gesehen!" Hinter der tantenhaften Tarnung verbirgt sich die Ankündigung zu Lauf Nummer Eins von Vieren des Klaus-Störtebeker-Gedächtnis-Cups, Unterzeile: Kopflos durch den Park. Der legendäre Pirat soll nach seiner Enthauptung noch an vielen seiner Kameraden vorbeigelaufen sein, um sie so vor der Hinrichtung zu retten. Als trinkfest galt der außerdem. Und eine Lizenz hätte er niemals gelöst. Niemals!

Kurz nach der Bekanntgabe der Renn-Koordinaten, an einem mausgrauen Samstagnachmittag, knistern Schnee und Laub um den Rodelberg im Statdtpark Plänterwald. Von allen Seiten rollen Crosser und Mountainbiker heran, die meisten im düsteren, schwarzroten Eisenschwein-Dress mit einem grimmigen Keiler auf der Brust. Auf der Homepage ziert den Keilerkopf das Motto „Sie treten auf wie von einem anderen Stern. Einem Planeten aus Härte und Disziplin". Doch dann fallen sie sich um den Hals, die Eisenschweine, klatschen sich ab und freuen sich spitzbübisch darüber, dass so viele gekommen sind. Über 30 Männer und Frauen stehen startklar und diskutieren sich warm: „Staubi, ist das sehr schlimm, dass ich mit´m Mountainbike fahr?" fragt Robert, und Staubi sagt „Ja, Mannn. Sieht echt scheiße aus." Zur Rennbesprechung gibt es Mohrenköpfe und eine ernste Ermahnung von einem 1,90-Mann mit Kampfnamen Husten: „Hört ma zu, es fahren Kinder mit. Wer´n Kind umfährt, zahlt ´ne Runde für alle. Und kriegt eins inne Fresse." Nebenan macht sich seine Tochter Djuna auf dem Einrad warm. Sie wird damit starten. Im Trikot des Eisenschweinkaders, Größe „S".

Kein Flatterband, keine Startgebühr, keine Genehmigung

Spätestens an diesem Punkt wäre jeder Radsport-Offizielle verzweifelt. Und auch deshalb haben sie keinen dabei. Das, was der Eisenschweinkader hier im Stadtpark macht, ist ein wenig, nun ja, grenzlegal. Kein Flatterband zwischen den Bäumen, kein Kampfrichter, keine Lizenzkontrolle, keine Startgebühr, und erst Recht keine amtliche Genehmigung. Der, den sie PDA nennen, hat die Strecke ausgeguckt und Staubi sammelt mit einer Blechschüssel die „Glühweinspende" in Höhe von drei Euro ein. Ja, sicher, man hätte auch einen Verein gründen können. Aber wozu? Eisenschwein Menis kennt viele gute Gründe dagegen: „Man muss sich eine Satzung geben, Funktionäre wählen, sich ins Vereinsregister eintragen, irgendwelche steuerlichen Dinge regeln. Als Radsportverein ist man dann außerdem noch im BDR und muss sich drum kümmern, was die wollen. Das ist mir zu starr. Wir sind Radsportler, die zusammen Spaß haben wollen. Wer auf Dauer mitmacht, das entscheidet sich bei uns nach Nase und nicht nach Mitgliedsbeitrag. Und welche Art Fahrrad er dabei bewegen will, ist vollkommen Schnuppe."

Das potenzielle Problem beim freundschaftlichen Fight: Es ist Samstag, also Wochenende. Der Rodelberg steht mitten in der Stadt. Und wenn die Polizei kommt, ist das Rennen gelaufen. Sicher, das ist eher unwahrscheinlich, denn die Strecken liegen tunlichst abseits der Spaziergängerströme. Konfrontation und Versteckspiel interessieren den Kader nicht. Doch einmal war es richtig knapp. Während der Rest des Pelotons die anspruchsvolle, etwa 800 Meter lange Runde erkundet, schildert Jockel den bislang einzigen Beinahe-Zwischenfall: „Irgendwelche Anwohner saßen auf dem Balkon und haben schon die ganze Zeit rübergeplärrt, wat wir denn da machen würden. Das haben wir sauber ignoriert. Aber irgendwann ham se wohl die Polizei gerufen. Nur: als die kamen, waren wir schon fertig. Wir stehn also da, trinken Glühwein und erzählen denen, das sei ne Geburtstagfeier. Was wollten se machen? Heimgefahrn sind se!" Das auf einem grünlackierten Benzinkocher neben Jockel zwei Töpfe vor sich hindampfen, ist insofern auch ein Stück Vorsorge.

Der Club, der keiner sein will, ist ein Kind des Internets. Seine Mitglieder fanden sich in einem Mountainbike-Forum, trafen sich zu Ausfahrten, freundeten sich an. Auf einer langen Tour durch Matsch und Schnee entstand auch der Namen. „He, warum tun wir das eigentlich?" fragte Einer, und der Andere antwortete: „Um harte Eisenschweine zu werden!" Die Benutzernamen aus dem Forum überlebten den Schritt von der virtuellen in die Echtwelt. Jockel, den sie wegen seiner zackigen Art auch „Oberst" nennen; PDA, die hessische Aussprache von Peter; S-Punkt, die Kurzform von Sabine; außerdem Menis alias Axel, J-coop, Staubi, Husten, RiFli und Viele mehr. Erhalten blieb auch der Drang, die eigenen Taten in Bild und Text darzustellen - ein ironisches Prahlen voll raubeiniger Freundlichkeit. Pathetische Texte, erfundene Historien, schräge Anmache, verbales Schulterklopfen. Die Internetseite www.eisenschweinkader.org ist der Dreh- und Angelpunkt der Truppe. Wer hineinklickt, merkt schnell: Das Spiel mit Missverständnissen und martialischem Gehabe ist Absicht, das düstere Symbolgemisch auf den Trikots ein Spaß auf hohem Niveau - der fürs Design verantwortliche „Zeugwart" ist im Zivilleben Dekan einer Kunsthochschule. Wer keinen Spaß versteht, ist falsch auf dem „Planeten aus Disziplin und Härte".


Ein älterer Herr ist das Publikum

„Um zwanzig nach ist Start" verkündet PDA im eisigen Ostwind, „und wenn die Stimmung schlecht wird, schon um Viertel nach." Es ist saukalt und Viertel nach, als der erste Lauf des Störtebeker-Cups dann doch in ernsthaften Sport ausartet. Der Austragungsmodus bestraft jede Schwäche umgehend: der Letzte fliegt raus. Und weil es heute so viele sind, müssen in den ersten Runden jeweils zwei dran glauben. Husten ist gleich fällig, weil er seinen Singlespeed-Crosser mit einer Bahnübersetzung von etwa 53:11 zu optimistisch übersetzt hatte. Er macht sich neben dem Oberst zum Assistenten der Rennleitung, denn was hier passiert, übersteigt die Merkfähigkeit. Zu Dritt beugen sie sich über die Liste mit den hingekrakelten Namen, bemüht um Überblick. Auf dem kurzen Kurs ist bald nicht mehr klar, wo Vorne und wo Hinten ist. Und trotzdem muss in jeder Runde das Richtbeil fallen. Als Twobeers rausgewunken wird, steht eine „6" hinter seinem Namen, hinter den ESK-Recken Icke und Schosse nur eine 2. Ein stilbewusster Unbekannter kommt zum neunten Mal vorbei, im Retro-Wolltrikot, mit amerikanischem Stahlrahmen, Baggyshorts und kantiger Brille mit großem „O" auf dem Bügel. „Du, wie heißt´n Du?" Er hechelt „Hagen!" und hört „Hagen, Du bist raus." Es klingt nach Bohlen.

Nach einer guten halben Stunde sind noch etliche ESK-Trikots unterwegs. Die vermeintliche Spaßtruppe hat zweimal die Mannschaftswertung der HEW-Cyclassics gewonnen und zudem starke Mountainbiker am Start, doch die Gäste aus Köpenick und Kleinmachnow sind auch nicht ohne. Ein älterer Herr mit Pepitahut erweist sich als das Publikum, er bekommt einen Becher Glühwein. Spur reiht sich neben Spur ins Laub, die Schiebepassagen werden häufiger. Es sieht ganz so aus, als fände das Rennen ein sportliches und kein polizeiliches Ende. 18 Runden. Menis liegt aussichtsreich auf Platz Zwei, und wer keinen Glühwein in der Hand hat, beteiligt sich an einer kurzen La-Ola-Welle aus rausgewunkenen Schwarzkitteln. „He, Du packst Ihn!"

Ex oder Hopp

Vergebens. Gewonnen hat dann doch ein Anderer, Volker vom Team Ajax Cöpenick. Ein Lizenzfahrer. Umringt von den Eisenschweinen steigt er auf das niedrige Mäuerchen neben dem Glühwein-Kocher. Podest oder Schafott? Noch ist Nichts entschieden, denn der wahre Zielsprint des Klaus-Störtebeker-Gedächtnis-Cups findet im Glas statt: ein Störtebeker-Pils auf Ex, sonst war alles umsonst. Eisenschwein PDA bringt den Richttrunk. Der Mann in Orange hebt zittrig das Glas und kaut das kalte Bier mit sichtbaren Mühen in sich hinein. Nochmal gutgegangen. Der Lauf ist entschieden. Schulterklopfen und „High Five" rundum, jemand klappt den Campingkocher zu, andere sammeln Plastikbecher und Mohrenkopfschachteln ein. Dann verbläst trockenkalter Ostwind die Eisenschweine und ihre Gäste in alle Richtungen. Am Rodelberg im Plänterwald beginnt leichtes Schneegrieseln. Es bedeckt ein dunkles Band aus Reifenspuren. War was?

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