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Foto: Jörg Spaniol

Intimfeinde

Kein anderer Sportler wird aus eigener Kraft so schnell wie ein Rennradfahrer. Keiner? Doch: der Windschattenfahrer. Eine Polemik gegen die Schmarotzer der Landstraße

Kommt Ihnen dieser Anblick bekannt vor: zwei schlanke, leicht geschwungene Hinterbaustreben in erbsgrün-metallic, darauf eine kleine schwarze Bremse, darüber eine Werkzeugtasche mit einem rot-zackigen Großbuchstaben? Ja, haben Sie schon gesehen? Etliche Kilometer lang, formatfüllend? Dann besteht eine große Chance, dass Sie mir schon mal auf die Nerven gegangen sind. „Sie“? Ach was. Wer sich so nahe kommt, sagt „Du“ zueinander. Und eines will ich Dir jetzt schriftlich geben: Ich mag keine Lutscher. Du nervst.

Ich kann es einfach weder leiden noch verstehen, dass Überholte auf einer Trainingsrunde sich grußlos und völlig ungefragt in meinen Windschatten hängen. Kein „Hallo!“, kein „Servus“ und erst recht nicht die Frage, ob es denn genehm sei. Ranhecheln, reinhängen, und stumpf hinterherhecheln. Stört doch Keinen? Doch. Mich.

Jetzt wieder höflicher und für Alle: Würden Sie es normal finden, wenn Ihnen beim Einkaufen jemand mit einem Meter Abstand folgen würde, eine Viertelstunde lang? Wohl kaum. Jeder Mensch hat einen Wohlfühlabstand von anderen Menschen, und gegenüber Fremden liegt der deutlich über einem Meter – auch auf dem Rad. Ganz davon abgesehen, nötigt einem der Lutscher ungefragt Verantwortung auf. Kann ich noch eben knapp über die Kreuzung schießen, wenn sich einer in meiner Wirbelschleppe suhlt? Über eine Flasche auf der Fahrbahn hopsen? Schon. Aber ich wäre schuld an den hässlichen Ereignissen hinter mir.

In jahrzehntelangen Feldstudien schälte sich ein Idealtypus des Pedal-Parasiten heraus: Der unerwünschte Mitfahrer ist mit schaukelndem Oberkörper und auswärts schnackelndem Knie viel schneller unterwegs, als es seiner Form angemessen oder zuträglich ist. Immer im Grenzbereich, und der liegt weit unter dem Niveau seines Ergeizes. Vermutlich will er mit dieser Technik den „Schnitt“ auf dem Tacho höher treiben. Soll er doch gleich Moped fahren oder EPO spritzen. Je offensichtlich trainierter ein Fahrer ist, desto geringer ist sein Kletten-Reflex ausgeprägt. Auch Frauen tun so etwas praktisch nie.

Ungefragt am Stammtisch

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin weder notorischer Einzelfahrer noch verweigere ich Entkräfteten Unterstützung auf dem Heimweg. Und wenn das Tempo passt und der Mensch symphatisch ist, warum nicht ein paar Worte wechseln und dann gemeinsam fahren? Ich mag halt einfach keine unhöflichen, überambitionierten Schmarotzer – auch nicht, wenn ich mit „den Jungs“ unterwegs bin. Die gemeinsame Sonntagsausfahrt mit Radkumpels erfüllt nämlich auch eine Stammtisch-Funktion: Quatschen, witzeln, Sprüche klopfen. Und was hält man von Leuten, die sich ungefragt an den Stammtisch setzen? Eben.

Was also tun – einfach wegfahren? Es ist ziemlich schwierig, jemanden aus dem Windschatten zu fahren, denn er braucht zum Dranbleiben nur gut die Hälfte der Leistung des Führenden. Und lange Berge sind hier selten. Außerdem gilt es, die Contenance zu wahren, statt der Hetz-Logik des Verfolgers anheim zu fallen. Bleibt die kommunikative Methode. Neulich waren es gleich zwei, die sich nach dem Überholtwerden einklinkten. Hände vom Lenker, rollen lassen, die herannahenden Verfolger fragen: „Ist das ein Reflex oder könnt Ihr das auch sein lassen?“ Antwort: „Das macht doch Jeder.“ Nein, zum Glück nicht.

Wer zu zweit losfährt, hat möglicherweise noch persönlichere Dinge zu bereden als eine Gruppe. Das Mithören des Schmarotzers eröffnet aber auch neue Abwehrmöglichkeiten. Laut geprochene Dialoge untereinander wie „Hast Du einen Magneten im Trikot?“ „Nein, wieso?“ „Du ziehst einen Haufen Schrott hinter Dir her “ verfehlen dennoch beim unerwünschten Dritten oft ihre Wirkung. Lutscher sind einigermaßen unsensibel, wie schon ihre Anhänglichkeit vermuten lässt. Selbst rücksichtsloses, stäubendes Nase-Ausblasen wird gerne fälschlich als Versehen interpretiert – und zwingt so zur unmissverständlichen Grobheit der drei Worte: „Hau ab, Lutscher!“ Vielleicht kann man das auch freundlicher sagen. Ich denke mal drüber nach, bei der nächsten Solo-Runde. Aber nur, wenn mich keiner nervt!

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