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Foto: Holde Schneider

Wasserwacht"

Regen, Sturm, Schnee - aktuelle Outdoorjacken halten einem das schlechte Wetter vom Leib. Bis zu 600 Euro kosten die Topmodelle. Geht es auch billiger? Im MEN´S HEALTH-Test: sechs Modelle unter und sechs Modelle über 250 Euro.

Belauschter Dialog in einem kleinen Münchener Bergsteigerladen: "Wasserdicht und atmungsaktiv sind die alle. Steht doch auf dem Etikett." Ungläubige Antwort: "Ach so"? Denn wenn die ganzen Hightech-Stoffe gleich sind - wie kommt es dann, dass man in manchen schon beim Spazieren gehen schwitzt, in anderen aber Joggen könnte, ohne zu tropfen? Keine Antwort vom Fachpersonal. Aber viele Antworten aus der Forschung.

Das, was der Volksmund bisweilen so selbstverständlich "Gore-Tex-Jacken" nennt, wie er einen Haartrockner als "Föhn" bezeichnet, ist nämlich gründlich erforscht. Und siehe: zwischen den Stoffen der Jacken, an denen die "wasserdicht/atmungsaktiv"-Etiketten baumeln, liegt bisweilen Faktor fünf, wenn es um den Schweißtransport pro Quadratmeter geht. Im Labor sind das abstrakte Zahlen, in der Praxis sind es Welten.

In Labor und Praxis sind vor allem drei Materialien positiv aufgefallen: die aktuelle "Paclite"-Generation von Gore, aus der Jacken unter 500 Gramm hergestellt werden. Das Material ist erstaunlich hautsympathisch und sehr dampfdurchlässig. Vom gleichen Hersteller kommen inzwischen vermehrt dehnbare Stoffe wie Gore-Tex XCR stretch zum Einsatz. Etwas schwerer, aber ein Konfortgewinn. Und mit Event (im Test von Vaude) gibt es ein Laminat, das sich im Labor genauso gut geschlagen hat wie die Gores Top-Produkte.

Doch besonders atmungsaktives Material ist nur die Basis einer Topjacke. Fast so wichtig fürs gute Klima sind die Lüftungsmöglichkeiten. Riesige, offen stehende Brusttaschen mit Netzfutter (North Face) sind eine funktionierende, aber seltene Variante, lange Reißverschlüsse zwischen Ellenbogen und Rumpf (Arc´teryx, Columbia, Haglöfs, Mammut, Vaude) eine andere. Oder der Zwei-Wege-Reißverschluss an der Front. Öffnet man ihn auch unten, verbessert er Klima und Bewegunsspielraum. Bergsteiger, die mit Klettergurt unterwegs sind, führen das Seil dort hinaus. Ob die Reißverschlüsse selbst wasserabweisend sind oder mit Klappen abgedeckt werden, ist weniger wichtig, solange das Ergebnis dicht hält.

Wenn der Regen waagrecht fällt, bewähren sich gute Kapuzen. Verstaubare Modelle schützen selten Wangen und Kinn. Gute angeschnittene Kapuzen baumeln zwar immer draußen, bringen aber mehr. Sie passen dank zahlreicher Verstelloptionen mit Helm, Mütze oder bloßen Schädel. Unbedingt aufprobieren!

Doch die beste Jacke ist einfach die, die ihren Zweck erfüllt. Und über den sollte man sich vorher klar sein. Wer nie stundenlang ungeschützt durch Sauwetter marschiert, braucht keine gute Kapuze. Wer keinen Rucksack mit Hüftgurt trägt, muss nicht drauf achten, ob dieser die Taschen versperrt. Und wer sich in den Tiefschnee stürzt, freut sich über einen Powderskirt, der den Schnee draußen hält. Alles das Gleiche, nur weil "wasserdicht/atmungsaktiv" draufsteht? Von wegen!


So haben wir getestet:

In einem Textilforschungslabor wurden die Jacken untersucht, bis nur noch Fetzen übrig waren. Erster Test: Wieviel Dampf lassen die Stoffe auf dem sogenannten "Hautmodell" durch (die "Atmungsaktivität")? Dann checkte das Labor mit einer Wassersäule von 10 Meter die neuen Jacken auf Dichtigkeit von Material und Nähten sowie das Abperlverhalten auftreffenden Wassers. Daraufhin wanderten die Muster in spezielle Waschmaschinen, die das Gewebe tagelang marterten. Immer wieder wurden Abperlwert und die Dichtigkeit an Naht und Fläche überprüft. Auch die Ergebnisse dieser aufwändigen Dauertests finden sich - ausformuliert und mit ***-Wertung - in der Beurteilung der Materialqualität wieder. Der Anteil der Laborwerte am Gesamtergebnis liegt bei 50 Prozent.

Die Bewertung der Ausstattung orientiert sich in diesem Test am sportlichen Allround-Einsatz. Art und Verarbeitung der Taschen, Verschlüsse und Lüftungen werden hier registriert - ebenso wie Besonderheiten, etwa Schneeschürzen ("Powderskirts") für den Wintereinsatz. Hierauf entfallen weitere 25 Wertungs-Prozente.

Das letzte Viertel macht die Praxiswertung, der Komfort im Einsatz. Bewegungsgerechte Schnitte und Materialien, auch beim Klettern oder Rad fahren, werden hier gewürdigt.

Jede der drei Kategorien wurde mit * (ungenügend) bis ***** (sehr gut) bewertet und im Gesamturteil zusammengefasst.


Pflege-Tipps

von Gerhard Resenberger, Textilingenieur bei W.L. Gore

Viele glauben, Waschen sei für die Funktion wasserdichter, atmungsaktiver Materialien wie GORE-TEX° schädlich. Das Gegenteil ist der Fall: Schmutz, Schweißpartikel, Hautfett und Cremes verschlechtern die Funktion und müssen immer wieder herausgewaschen werden - aber nie mit Weichspüler oder Chlorbleiche! Wenn der Regen nicht mehr abperlt, hilft bügeln oder der Weg in den Trockner, sofern es das Pflegeetikett zulässt. Durch die entstehende Hitze wird die auf der Jacke noch vorhandende Ausrüstung wieder reaktiviert. Will man die Jacke irgendwann nachimprägnieren, sollte man sie unbedingt vorher waschen. Nach dem Imprägnieren die getrocknete Bekleidung unbedingt wieder bügeln oder im Wäschetrockner bei maximal zulässiger Hitze für wenigstens 30 min behandeln. So verbinden sich alte und neue Imprägnierung wirksam mit dem Außenstoff.


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