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Foto: Daniel Simon

Haut Couture

Heiß oder kühl, stinkig oder angenehm? Kein Funktionsunterhemd ist wie das andere. Mit einem Dutzend Freiwilliger und aufwändigen Labortests hat TOUR herausgefunden, welche der Wunderfasern für Rennradler taugen

„Das Unterhemd als hautnächste Schicht ist die wichtigste Bekleidungsschicht. Wenn die falsch ist, können die anderen Schichten noch so gut sein – das Resultat wird es nie sein“! Markus Weder weiß sehr genau, wovon er spricht. Als Testleiter bei der „Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt“ (EMPA) in St. Gallen hat er schon kubikmeterweise Funktionskleidung durch die Labore geschleust. Acht Sportunterhemden für TOUR waren es dieses Mal, jedes aus einer anderen Faser-Art. Das Untersuchungsziel: Herausbekommen, welche der vielen Kunst- oder Naturfasern die richtigen Materialeigenschaften für den Einsatz unter dem Radtrikot hat. Wenn das feststeht, hilft der Blick aufs Kragenetikett bei der Kaufentscheidung. Dort steht, aus welchem Stoff die Hemden sind.

Doch was sind die „richtigen“ Materialeigenschaften? Ganz einfach: die Faser muss den Körper bei dem unterstützen, was er gerade erreichen will. Das Unterhemd als „zweite Haut“ hilft der „ersten Haut“ bei ihrem Job. Bei Anstrengung schwitzt man, um die Abwärme (immerhin 75 Prozent des Energieumsatzes) möglichst rasch lsozuwerden. Der Körper würde sonst überhitzen und seine Leistungsfähigkeit verlieren. Die Aufgabe des Hemdes ist es dann, den Schweiß hautnah zu verdunsten. Ohne die Faser würde er in Bächen den Körper herunter rinnen, ohne besonders zu kühlen. Doch die Haut hat auch die entgegengesetzte Aufgabe, den Körper vor Auskühlung zu schützen. Ein Funktionshemd sollte dann besser wärmen als es die bloße Haut täte.

Viele Hersteller versprechen, dass ihre Funktionshemden genau das tun. Nur: So richtig zu funktionieren scheint das nicht überall. Jeder, der mehrere Funktionshemden im Schrank hat, bevorzugt eines davon – je nach Temperatur und Einsatzbereich fühlen sie sich besser oder schlechter an. Unsere aufwändige Fahndung nach der perfekten Radlerfaser führte zu Ergebnissen, die in ihrer Tendenz auch auf nicht getestete Marken anwendbar sind, die mit verwandten Materialien arbeiten. Andere gebräuchliche Oberflächenbehandlungen, Materialstärken und Strickverfahren können zwar leicht abweichende, aber keine völlig anderen Resultate für ein Material ergeben. Und so kommt es, dass ein Blick aufs Etikett des Unterhemdes schneller machen kann.

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Der Kampf um die Ideal-Linie

Was ist besser: Wolle, eine Kunstfaser oder das Gore-Laminat? Die neun farbigen Kurven zeigen, wie heiß oder kalt es am Oberkörper mit welchem Hemd wird. Nach einer „neutralisierten“ Stunde, in der sich die Messapparatur einpegeln durfte, ging das Rennen los. Während der simulierten 40minütigen Bergfahrt öffnet sich die Schere zwischen wärmenden und kühlenden Materialien. In der folgenden „Abfahrt“ nach 1:40 Stunden zeigt sich beispielsweise, ob das aufwärts kühlende Material so gut ist, dass es seinen Träger abwärts vor dem Auskühlen schützt. Greift man vier auffallende Musterkurven heraus, sind die übrigen leicht zu verstehen.

Die unterste, schwarze Kurve zeigt das Trikot ohne Unterhemd. Während der mäßig schnellen Bergauffahrt kühlt das eng anliegende Polyester-Trikot durch die Verdunstung die Hautoberfläche um zwei Grad ab. Soviel schafft keine Kombination. Erst in der Abfahrt zeigt sich, warum ein Unterhemd meistens sinnvoll ist: das dünne Trikot trocknet rasch (nach zwei MInuten Abfahrt steigt die Linie wieder an), doch es ist so dünn, dass der Fahrtwind die Hauttemperatur auch bei trockenem Hemd in den Keller treibt.

Den größten „Absturz“ vollführt die gelbe Linie, ein Unterhemd aus „Meryl“. Diese Fasermischung aus Polyamid und Elasthan ist besonders interessant, weil aus dem griffsympathischen Material viele Damentrikots geschneidert werden. Testleiter Markus Weder vermutete beim Anblick der Kurve zunächst, dass es sich um ein Baumwoll-T-shirt handele. Das Material kühlt aufwärts gut, trocknet aber so langsam, dass es als Funktionslage für Radsport mit wechselnden Intensitäten nicht taugt.

Viel besser sieht es mit dem Craft-Hemd aus Polyester aus, das auch die Testfahrer lobten: Es ist im Hochsommer zu warm, doch auch die Kombination dieses Unterhemds mit dem Trikot lässt den Schweiß bergauf kühlend wirken. Bergab sackt die Linie nur kurz durch: Das Hemd trocknet schnell und kann so während der rollenden Abfahrt Kälteschutz gewähren. Sehr ähnlich funktioniert auch das dünne Odlo-Hemd aus derselben Basis-Faser.

Einen Extremfall markiert das Polypropyläen-Netzhemd von Brynje. Sein Material leitet den Schweiß so schnell an das Trikot darüber ab, dass es trotz seiner luftigen Struktur wärmt: es bildet Lufkammern. Zu seinen Gunsten lässt sich die extrem kurze Trockenzeit in der „Abfahrt“ anführen – und ein Umstand, den das Labor nicht berücksichtigen kann: Öffnet man Trikot oder Jacke während der Fahrt, kann bei keinem anderen Gestrick kühlender Wind so gut wirken wie bei einem Netzhemd.

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