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Foto: Markus Greber

Schneller Zugriff

Ob per Mausklick im Internet oder per Handschlag auf dem Gehsteig: Beim Handel mit gebrauchten Rennrädern können Rennradler sekundenschnell Geld sparen, Geld verdienen – oder furchtbar auf die Nase fallen. Wo bekommen Käufer gute Ware, wo stimmt beim Verkäufer die Kasse? Woran erkennt man Betrüger und was kauft man grundsätzlich neu? Mit den gesammelten TOUR-Tipps zu den drei Haupt-Gebrauchtbörsen sollte eigentlich nichts mehr schiefgehen

Variante 1: Ebay: Gegen Höchstgebot im Internet steigern

Für Käufer wirkt Ebay verlockend: manchmal stehen Top-Maschinen für nur einen Euro im Netz. Hat man sich dann angemeldet und darf mitbieten, liegt der Preis vielleicht schon bei 127 Euro – und bei Auktionsschluss sind es zweitausend mehr. Weil jedes Rad fünf, sieben oder zehn Tage im Netz steht, ist es unsinnig, zu einem anderen Zeitpunkt als zum Auktionsende ein Gebot abzugeben. In der letzten Stunde können sich Preise vervielfachen – dann muss es schnell gehen.

Der Kauf auf Ebay ist risikoarm, wenn man sich intensiv über Verkäufer und Produkt informiert. Jeder Verkäufer wird von denen bewertet, die bereits mit ihm zu tun hatten. Diese Kommentare lassen sich auch anklicken, Rückfragen an die Verfasser sind möglich. Wenn ein Verkäufer weniger als 100 Prozent zufriedene Kunden hat, kann der Klick auf den Kommentar erhellend sein – oft geht es um Kleinigkeiten und Missverständnisse. Einen besseren Eindruck vom Verkäufer erhält man auch beim Klick auf seine sonstigen oder abgelaufenen Auktionen. Unverbindlicher Erfahrungswert: wer extrem viele und neue Artikel verschiedenster Kategorien ins Netz stellt und sich dabei als „privater Verkäufer“ ausgibt, erweckt Misstrauen.

Mehr als ein „Bauchgefühl“

Auch die Produktbeschreibung sagt viel über den Verkäufer. Offensichtliche Sachkunde und korrekt formulierte Texte steigern die Chance, bei einem seriösen Anbieter zu kaufen. Scharfe, große Fotos von entscheidenden Teilen gehören unbedingt dazu. Hingeschmierte Texte mit falsch geschriebenen Fachbegriffen oder Markennamen lassen hingegen vermuten, dass dieser Mensch weder sinnvolle Auskünfte geben kann noch sein eigenes Rad verkauft (es muss trotzdem nicht gestohlen sein). Letztlich geht es bei der Einschätzung des Verkäufers um „Bauchgefühl“. Das ändert sich jedoch beim Versuch, die unabdingbaren Informationen abzusammeln: Nur wer telefonisch oder per Mail kompetent Auskunft zum Zustand des Rades macht, kommt in die engere Wahl. Ideal ist es, auf ein in der Nähe angebotenes Teil zu bieten und sich vorher einen Eindruck von Rad und Verkäufer zu machen. Bei teuren Rädern sollte das drin sein – es steigert schließlich auch beim Käufer die Bereitschaft, höher zu steigern.

Beim Versand ist Vorkasse üblich, was die Beweislast für vermeintlichen Betrug auf den Käufer verlagert: Er hat bezahlt und muss notfalls klagen, um sein Geld zurückzubekommen. Der Übergang vom virtuellen Kauf zum Austausch von echtem Geld und echter Ware geschieht für Käufer idealerweise live und in bar (die Transaktion über die Internet-Bank „PayPal“, an der Ebay verdient, ist vor allem für Profis und Auslandskäufe interessant). Fallen tatsächlich bei der Übergabe gravierende, verschwiegene Mängel auf, behält man sein Geld und verlässt den Ort des Geschehens. Der Verkäufer müsste dann die Abwicklung des Geschäfts einklagen.

Marken gehen immer

Verkäufer steigern schon durch geschickte Vermarktung ihres Rades den erzielten Gewinn enorm. Die simpelsten „Tricks“: maximale Laufzeit der Auktion wählen, ein Auktionsende am frühen Abend am Wochenende anstreben und richtig gute Bilder machen. Mit der Handykamera und an ein Gebüsch gelehnt? Besser nicht. Bei einem Objekt, das etliche hundert Euro bringen soll, lohnt auch die Mühe einer wirklich präzisen Beschreibung, in der auch Mängel ehrlich beschrieben sind. Das schafft Vertrauen und somit Kaufinteresse. Ob man das Rad wirklich für ein Startgebot von einem Euro einstellt, hängt auch vom Produkt ab: Relativ neue Räder bekannter Marken erzielen immer gute Preise. Bei Liebhaberstücken gibt es hingegen manche bittere Enttäuschung. Für den niedrigen Startpreis sprechen die niedrigere Verkaufsgebühr und die große Zahl der Gebote, die ein Objekt besonders attraktiv erscheinen lassen.

Vorteile für den Käufer:
- Chance, Raritäten auch weltweit zu finden
- Relativ hohe Rechtssicherheit durch klare Transaktionsregeln
- Vorhandene Bewertungen des Verkäufers.

Nachteile:
- Vorherige Ansicht oder Probefahrt vor Kaufabschluss selten.
- Schwierige Durchsetzung etwaiger Gewährleistungsansprüche gegen den (privaten) Verkäufer.
- Hohe Versandkosten für Kompletträder

Vorteile für Verkäufer:
- Reichlich Platz für Text und Bild (verglichen mit Anzeige).
- Große Reichweite des Angebots, zum Teil auch weltweit.
- Hohe Preise bei Image-Marken.
- Das Rad wird auf jeden Fall verkauft.

Nachteile:
- Verkauft ist verkauft – auch bei miesem Ergebnis.
- Verpackung und Versand kosten viel Zeit.
- erhebliche Gebühren für Ebay (und gegebenenfalls PayPal)

Käufer: ✭✭✭✭✫✫
Verkäufer: ✭✭✭✭✭✫




Recht auf Ebay: Geboten ist gekauft

Der Klick ist verbindlich: Wer geboten hat, muss auch zahlen – wenn er dafür tatsächlich die beschriebene Ware bekommt. Einzige Ausnahme: Der Verkäufer hat in der Beschreibung wissentlich schwerwiegende Mängel unterschlagen. Der häufige (und bei Privatverkäufern zulässige) Hinweis „Gewährleistung, Umtausch und Rückgabe ausgeschlossen“ hilft dem Verkäufer dann nicht aus der Klemme. Doch wie beweist man, dass der Verkäufer den Schaden kannte? Preiswerter und sicherer als der Rechtsweg ist es, das Rad vorher zu besichtigen oder detaillierte Fragen zu stellen.



Variante 2: Gebraucht vom Händler

Gebrauchtrad-Händler sind selten, und noch seltener sind dabei Rennrad-Spezialisten. Weil Ladenmieten viel Geld kosten und der Verkaufspreis bei Gebrauchten eher niedrig liegt, lohnt sich das selten. Die Ausnahmen sind häufig Spezialisten, etwa für Retro-Italiener oder Singlespeedmaschinen – oder Radhändler, die ihren Kunden den Neukauf schmackhaft machen, indem sie das Alte in Zahlung nehmen.


Auf Gebrauchtrad-Interessenten wirken die Preisschilder der Händler oft verwunderlich: Gebrauchte vom Händler sind teurer als im Privatverkauf. Bei realistischer Überlegung müssen sie das auch sein. Ein gebrauchtes Rad braucht ebensoviel Stellfläche und Beratung wie ein neues. Dazu kommt, dass der Händler für ein Gebrauchtrad gewährleistungspflichtig ist. Das heißt: ist das Rad schon beim Kauf beschädigt, muss der Radhändler dafür sorgen, dass der Schaden behoben wird – auch wenn sich der Schaden erst im Zeitraum eines Jahres nach dem Kauf zeigt. Im ersten halben Jahr muss der Verkäufer sogar beweisen, dass der Schaden beim Kauf noch nicht bestand. Bei einem teuren Rahmen, der drei Monate nach dem Kauf bricht, kann das ins Geld gehen. Ein Händler, der Ärger vermeiden will, muss also das ganze Rad gründlich auf mögliche Vorschäden checken, was Zeit und Geld kostet – bei Neurädern ist dagegen im Zweifelsfall der Hersteller in der Pflicht. Ist der Gebraucht-Renner zu guter Letzt verkauft, muss der Händler seinen Gewinn versteuern. Dem Privatverkäufer bleibt das normalerweise erspart.



Garantiert gebraucht

Doch was für den Händler nach einem chancenlosen Wettkampf mit dem privaten Kleinanzeigenmarkt klingt, ist für manche Kunden trotzdem attraktiv. Unter mehreren Aspekten ist das Gebrauchte vom Händler eine gute Wahl: Bei mangelnder eigener Sachkenntnis und einem Verkäufer von untadeligem Ruf bekommt man eine Beratung, die eine Wahl zwischen „neu“ und „gebraucht“ ermöglicht. Anders als der Privatverkäufer muss ein Radhändler einem nicht exakt dieses Rad verkaufen – er hat noch andere. Außerdem sollte man sich beim Profi auf die Fahrtüchtigkeit und Betriebssicherheit des Rades verlassen können. Toleranz gegenüber hakelnden Schaltungen und verschlissenen Ketten oder Bremsbelägen ist hier jedenfalls nicht angebracht.

Vorteile Käufer:
- Einjährige Gewährleistung
- Möglichkeit zur Probefahrt
- Unmittelbarer Vergleich mit Alternativen

Nachteile Käufer:
- Relativ hoher Preis

Vorteile Verkäufer:
- Instrument zur Kundenbindung

Nachteile Verkäufer:
- Relativ wenig „Umsatz pro Fläche“
- Ziel von Gewährleistungsansprüchen

Bewertung:
Käufer: ✭✭✭✫✫✫
Verkäufer: ✭✭✫✫✫✫




Variante 3: Private Kleinanzeigen

„Private Kleinanzeigen“, das klingt im Zeitalter weltweiter Internet-Vermarktung etwas altbacken – „total last millenium“ sagen Manche. Wer kauft und verkauft, hat hier nicht den „powerboi0711“ am Hörer, sondern zum Beispiel den Dieter. Es menschelt. Und das ist zwar sehr analog, aber vielleicht der große Vorteil dieser Kaufvariante.

Früher oder später kommt bei jeder Transaktion die gute, alte Echtwelt ins Spiel – beim Privatkauf eher früher. Einer der großen Spezial-Anzeigenmärkte ist der Rennrad-Markt mitten in diesem Heft. Fast immer lässt sich einer Anzeige entnehmen, in welcher Gegend das Rad steht, und per Telefon ist nach möglichst fachkundigem Faktencheck schnell auch eine Probefahrt ausgemacht. Der Kauf von einem anderen Rennrad-Enthusiasten hat für den Käufer große Vorteile: Er gewinnt im Umfeld der Probefahrt ganz nebenbei ein Bild des Verkäufers. Passt er überhaupt auf das Rad, das da verkauft wird? In welchem Zustand sind die anderen Räder, die da herumstehen? Die Werkstatt? Sagt mir der Instinkt, dass der Verkäufer unaufrichtig ist oder Fragen ausweicht? Stimmt der erste Check, dann sieht es gut aus: Ein Mensch, zu dem man einen persönlichen Kontakt hat, handelt eher fair als ein anonymer „Powerseller“.

Begleitung beruhigt

Gleichzeitig erfordert diese Art des Kaufs auch ein Höchstmaß an Sachkunde. Weder verraten Bewertungsprofile oder andere Auktionen wie bei Ebay etwas über Preis- und Vertrauenswürdigkeit, noch enthält die Anzeige üppige Informationen. Ein Ortstermin ist also fast unumgänglich, und bei dem muss man sich manchmal schnell entscheiden. Kompetente Begleitung ist da ungeheuer hilfreich (und vielleicht auch beruhigend, wenn man mit 2.000 Euro Bargeld zur Probefahrt reist).

Die sicherste Variante des Privatkaufs erfordert hingegen nur viel Zeit und einen ausgedehnten Bekanntenkreis: Wer im eigenen Vereinsumfeld oder bei Trainingpartnern seinen Kaufwunsch streut, hört ziemlich sicher irgendwann von Einem, der gerade sein Rad verkauft. Und in einem solchen sozialen Netzwerk will niemand mit Abzockerpreisen oder Schrottmaterial als „Bescheißer“ dastehen – ein Mechanismus, der mindestens so gut greift wie Gewährleistungsregeln oder Bewertungspunkte.

Vorteile Käufer:
- Erst fahren, dann kaufen. Bei Ebay ist es oft umgekehrt.
- Geringeres Risiko durch soziale Kontrolle oder direkten Kontakt.

Nachteile Käufer:
- Langes Warten auf das passende Angebot
- geringer Informationsgehalt der Anzeigen
- Preisvergleich schwierig

Vorteile Verkäufer:
- Kein Zwang zum Verkauf wie bei Ebay-Auktion
– der Preis muss stimmen

Nachteile Verkäufer:
- Zeitaufwand für Telefonate und Besichtigungen/ Probefahrten
- Schwierige Preis-Einstufung des Rades

Käufer: ✭✭✭✭✫✫
Verkäufer: ✭✭✭✭✫✫




Rechtsfrage: Diebesgut?

Wer gutgläubig ein gestohlenes Gebrauchtrad kauft, ist es los, wenn der Diebstahl auffliegt. Den gezahlten Preis kann er zwar vom Verkäufer zurückfordern, aber bei Dieben ist selten viel zu holen.
Der beste Weg zur Vermeidung von Diebesgut ist die Originalrechnung, doch andersherum müssen Räder ohne Rechnung keineswegs Diebesbeute sein. Haben Sie wirklich noch alle Rechnungen für Ihr Rad? Zusätzliche Sicherheit bringt eine Internet-Recherche: Auf der Website “fahrrad-gestohlen.de” kann man per Suchfunktion überprüfen, ob jemand das angebotene Rad vermisst. Doch die Datenbasis ist klein. Die Alternative ist die Eingabe der Radmarke und der Rahmennummer (auch in Teilen oder mit Leerstellen versuchen) in Suchmaschinen wie Google. So werden auch Fundstellen in Diskussionsforen angezeigt.


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